Die Rosenseele

Übung in romantischem Stil

 

Sie war auf der Gasse. Puh, das war geschafft. Kaum bezwang sie sich, wohl gesittet die zierlichen Füße zu setzen, die Eile verbergend, hinunter zu kommen zum Fluss, wo sie dahinfliegen konnte, wie es ihrer Lust so drängend war, dass sie es gar nicht erwarten konnte.

 

Noch diesen Torbogen, unauffällig vorbei mit gesenktem Kopf an den beiden Wachsoldaten, noch entlang der Stadtmauer, die rau-warmen Steine mit der Rechten entlangstreichend und dann ging´s auch schon bergab zur Stadt hinaus, nur ab und zu noch ein armseliges Häuschen zur Linken, o wie hatte der Herrgott den Fleiß der Häusler belohnt: Die allerschönste Blumenpracht leuchtete über die schlichten Holzzäune, graziös und ordentlich in Reihen wie  Soldaten beim Aufmarsch die üppigen, kraftstrotzenden Wirsingkohlköpfe, die zarten Möhrenkrautbüschel und allerlei lustiges Salatgekräusel. Die Jungfer musste jetzt immer wieder stehen bleiben: ein tiefer Seufzer löste sich dabei aus ihrer Brust. Nur allmählich wich die arge Beklemmung von ihr. Gleich würde sie das liebliche Silberband der Nidda empfangen und sie könnte dahinfliegen auf leichtesten Sohlen, kein ehrbarer Mensch würde hier am Werktag Vormittag müßig herumspazieren, sodass sie nicht fürchten musste, entdeckt zu werden.

Zu arg hatte es der Bruder getrieben, als er gewahr wurde ihr heimliches Lesen. War sie doch Minchen und der Köchin stets in allem zur Hand gegangen, wo es Haus und Garten verlangte.

 

Aber wenn sie jetzt in diesen verzauberten Juninächten, in denen die Grillen zirpen, das Licht des Tages so gar keine Anstalten machte, sich zu verabschieden und sie ohne Lampe noch leicht ein paar Stündchen lesen könnte, wenn sie in dies hinein die Vorhänge in ihrem Schlafzimmerchen vor die Helligkeit der Nacht ziehen und künstlich die wachen Augen zukneifen  und den weit weg weilenden Schlaf herankommandieren sollte, nein, das sollte niemand von ihr verlangen können. Sie war kein Kind mehr, auch wenn es der Bruder nicht einsehen wollte. „O du Grausamer“ dachte sie, „weißt du nicht, was für eine große, wunderbare Welt  im Busen einer Jungfrau schlummert? Auch wenn ich keines Deiner Bücher lesen würde, so brächte allein der Anblick eines Sonnenaufgangs so einen Reichtum an tieferfühlten Erkenntnissen in meiner Seele zum Klingen, dass ich davon hundert kluge Bücher schreiben könnte.

Was weißt du von den Stürmen, die an meinem Herzen rütteln, dass ich mit beiden Händen meine Brust fest umklammere und vor den Augen mir die freiesten Bilder aufspringen, mich in Gefilde der Seligkeit zu locken, wo Menschen ohne Unterschied ihres Geschlechts, ohne Mauer der geheuchelten Sittsamkeit, sich von Herzen in den Armen liegen, tanzen und singen, und von ihren wahren Sehnsüchten sich erzählen und sich zusammenfinden, Berge zu besteigen, über Klüfte sich gegenseitig hinwegzuhelfen, im Höchsten des Menschseins sich zu suchen und die unermessliche Freude daran zu haben, einander in Ehrfurcht zu bestaunen, ohne sich zu begehren.“    

 

Und dann, das Herz klopfte ihr vor Freude, stand sie vor der hingebreiteten Herrlichkeit der Felder. Die alles in Licht flutende Sonne, die Äcker wohl bestellt, in Quadraten unterschieden die Gerste, schon fast einen Meter hoch, der goldene Raps, gerade am Verblühen, die frisch gehäufelten Kartoffelreihen und mitten drin: glitzernd, lebhaft fließend, ihre Nidda, ihr mäanderndes Flüsschen, das so viele Jahre ihre geflüsterten Geschichten, mutwillig manche, traurig oder nachdenklich fragend, mit sich genommen hatte in den großen Main.

Dahin, dahin lief sie jetzt, in Richtung Vilbel, jede Wagenspur vertraut, jeder Stein, jede Biegung, die immer mit neuen Anblicken das entzückte Auge beschenkte.

 

Wie sie sich aber immer weiter von  der Stadt entfernte, fiel ihr das arme Minchen ein und was sie ihr gerade für einen Kummer machte. Doch mit einem  Hochwerfen ihres hübschen Köpfchens warf sie ihr schlechtes Gewissen hinter sich: „Minchen, du treue Seele meiner Kindertage, du hättest es doch wissen müssen…du hättest mir doch vertrauen sollen…wie konntest du mich so verraten…dem Herrn Bruder die Bücher zurückzugeben, die ich aus seinem Studierzimmer entlehnt hatte, sie mit aufjauchzenden Empfindungen zu lesen in der Nacht. Was bin ich armes Mädchen für eine Kreatur, wenn mein Bruder sich mit den herrlichen Gedanken der französischen Revolution seines Geistes Flügel aufspannen darf, ich aber soll lesen und schreiben und französisch gar artig parlieren gelernt haben, um am Ende Modejournale, die Bibel und Kochrezepte zu studieren und aus allem mir den Honig der Fügsamkeit saugen, um mich den ernsten Regeln des zukünftigen Gatten zu unterwerfen. – Ach Minchen, ich bin bös´auf  dich, dass du mir das angetan hast. Jetzt läufst du klagend durch das leere Haus; denn für diesen Tag siehst du mich nicht mehr. Hab´ die Schürze untern Hollerbusch geschoben, die feinen Schühchen auch und bin los mit den Stiefelchen aus Safranleder, die wohl Stock und Stein standhalten werden. Einsperren solltest du mich, so gab´s der grimme Bruder vor, und die Hände regen ohne Unterlass sollt´ ich, bis ich müde genug sei, zu schlafen und mir nicht den Kopf zu verdrehen mit Lektüre, die für Frauenzimmer nicht taugen.“

 

Endlich, die Sonne stand inzwischen hoch oben, hatte sich das Mägdlein der unwirschen Gedanken entledigt und merkte jetzt erst, dass es schon viel weiter gegangen war, als jemals zuvor. Der Charakter der Landschaft hatte sich verändert. Es hielt sein Näschen in die Luft. Rosen, hier mussten irgendwo Rosen blühen. Es ging schneller. Als es einem größeren Bogen des Flüsschens nachgefolgt war, sah es tatsächlich einen riesig eingezäunten Besitz. War das ein Park? Denn hohe Bäume standen darin. Aber auch Rosen musste es geben;  jetzt dufteten sie zu ihm herüber, so betäubend, als müssten es Hunderte sein  und es ging unversehens schneller, um dem Geheimnis näher zu kommen. Und dann stand das hübsche Kind vor einem alten, verrosteten Eisentor.

 

Knarrend ließ es sich aufschieben und Neugier zog die Jungfrau in den wuchernden Garten. Wer hatte hier zuletzt Hand angelegt?  Offenbar jahrelang hatten sich Rosen und Jasmin, Birken und riesige Rododendronbüsche  ineinander verflochten. In der Rinde eines Eichbaums hatten sich lange Efeuschlangen verwurzelt und hingen oben aus der Krone herunter. Das Mägdlein stand wie gebannt. Es spürte keinen Lufthauch. Es vernahm keinen Laut. Dafür fühlte es den Rosenduft mit einer solchen Macht in sich eindringen, dass ihm fast die Sinne schwanden. Es blinzelte zu einer der rosafarbenen Blüten hinüber. Was für eine von himmlischen Freuden entzückte Seele mussten diese dicht zusammenge-falteten Blütenblätter haben, dass sie so weit um sich herum noch alles in ihren Rausch mit hineinziehen konnten, alles, das für ihre Schönheit empfänglich war und so ihren Geist augenblicklich selbst zu einer Rose werden ließen, ihr ganzes Wesen in Duft getränkt sich vom Boden hob.

Weit breitete die Jungfer die Arme aus, diese verwilderte Schönheit, diesen der Natur wiedergeschenkten Garten in sich hinein anzuverwandeln. Sie fühlte, wie Tränen sich aus ihren Augen lösten, süß und schmerzlich, bei dem Gedanken, sie könnte ihre Seele, ihr innerstes Wesen, ihre bis zur Unerträglichkeit angeschwollene Sehnsucht in den magischen Zauber dieses natürlichen Gartens hinein erlösen.

Sie merkte gerade noch, wie sie auf den weichen Waldboden glitt…und war schon in einen süßen Schlummer versunken. Als sie wieder erwachte, stand die Sonne schon schräg und in dem sie sich aufrichtete schien sie ihr direkt in die Augen. Ihr war gar wundersam zumute. Sie strich sich über den Kopf, nahm ein paar Blätter aus ihren braunen Locken, schaute sich um und als sie so etwas wie einen Weg erkennen konnte, wollte sie ihn auch gehen. Und so geriet sie immer tiefer hinein in den wilden Garten.

 

Als sie gerade, zu Boden schauend, die allerliebste Quelle betörenden Veilchendufts entdeckte, ein violettes Meer, winzig und bescheiden die einzelnen Blümlein, fast ein jedes gerahmt mit einem Blatt, geformt wie die Palette eines Malers, gerade in diesem Augenblick riss sie ein eilig herandonnerndes Pferdegalopp aus ihrer Betrachtung. Schon erklang eine herrische Stimme, dem Pferd mit einem Brrrrr das Stehenbleiben zu befehlen. Ein glänzend schwarzes Pferd stand nun direkt vor der Jungfer, den Kopf von dem Zügel nach unten und nach hinten gezogen und sie, aus ihren Träumen gerissen, den Schrecken in allen Gliedern, hob langsam die Augen zu dem Reiter: Die Zügel fest zu seinem Leib gezogen, herrlich anzusehen mit einer lodernden Haarpracht, jung und jetzt unwillig die großen, braunen Augen auf sie gerichtet: „Was tut sie hier in meinem Garten? Wer hat ihr erlaubt, hier einzudringen?“

Sie konnte die Augen gar nicht lassen von ihm, so leuchtete er in seinem Zorn, doch sagte ihr eine innere Stimme, dass Demut wohl für diesen Augenblick die klügere Wahl  war, als Begeisterung. So senkte sie die Augen, legte die Hände vor ihren Leib und deutete ein entschuldigendes Neigen ihres Kopfes an. Dabei hörte sie sich verlegen stottern: „Es duftete so berauschend, - ich konnte nicht anders.“

 

Als sie zögernd aufschaute, sah sie sein barsch blickendes Gesicht gerade in eine neugierig forschende Miene sich verwandeln und er musterte sie mit schrägem Kopf aus zusammengezogenen Augenwinkeln. Plötzlich, wie versonnen, schickte er sich an, langsam vom Pferde zu steigen. Aber just in dem Moment, als sie sich vor die Augen stellte, wie er im nächsten Moment auf sie zugehen, vor ihr stehen würde, zuckte ein jäher Blitz durch sie, wie eine Sternschnuppe in ihrer kurzen Bahn auf- und gleich wieder abtaucht, aber doch lang genug,  sich von den Zehenspitzen bis in die Kringel ihrer Haare gewarnt zu fühlen: „Hab´ acht, liebes Kind,“ schien etwas ihr zuzuraunen, „was du hier siehst, ist nicht das, was es ist.“ Es blieb ihr gerade der Moment, ihre Seele in ein blinkendes Kettenhemdchen zu hüllen, sie fühlte sich aufrichten, da schritt er schon auf sie zu, in einem dunkelblauen Samtrock, die silbernen Knöpfe geschlossen, bis auf zwei an seinem Hals, an den sich ein weißer offener Rüschenkragen schmiegte.

 

Ganz winzig stand sie da vor ihm. Demut schien ihr nicht länger das Richtige zu sein. Mit keckem Mut schaute sie ihm geradewegs in die Augen, derweil ihre Gedanken wie aus dem Schlaf geschreckte Vögel im Geäst ihres Kopfes durcheinander hüpften und –lärmten. Ach wie sie das gleich wieder bereute! Er nahm ja ihren Blick so unverzüglich in den seinen, dass sie ihn gar nicht mehr zurückholen konnte zu sich. Und erst recht erschrak sie, als sich ihr blinkendes Kettenhemdchen, das ihr ein paar Sekunden lang Herz und Seele so treu beschützt hatte, wie von einem Geisterofen in einen heiß-flüssigen Schokoladenpudding verkocht ward.

„Was macht so ein junges Ding allein in fremder Leut` Gärten?“ ließ er seine Stimme ihr durch die Adern rieseln und „War kein Schloss am Tor, das mich gehindert hätte“ schnippte sie zurück. „So müßig mitten am Tage und ohne Begleitung, - hält sie es alle Tage so?“ O weh, dem Mägdlein ward´s plötzlich, als würde ein Berg dunkler Wolken,  mit einander balgend, sich über seine Brust stülpen und der Mund ward ihm eng zum Sprechen.

 

Ihr Bruder sprang von Ferne ihr wieder ins Ohr. Es gäbe den durchgescheuerten Ellenbogen seiner Hausjoppe auszubessern und weil Müßiggang aller Laster Anfang sei und deshalb Frauenhände nie müßig im Schoße ruhen dürften, es durchaus auch nutzlose Zierrate sein könnten, wie das Umhäkeln eines Putzlumpens, das diesem nicht notwendigerweise einen höheren Sinn verleihen würde, außer Frauenhände vom Müßiggange abgehalten zu haben.

 

Offenbar belustigt vom wechselnden Farbenspiel auf ihrem Gesichte, stand der Herr, in der Rechten die Zügel seines Pferdes und zog mit einem leicht ironischen Lächeln die Augenbrauen in die Höhe. O Himmel, noch größer jetzt die tiefen Seen seiner Augen und mitten in sie hinein hörte sie sich leise sagen:

 

„Es gebiert sich die Freiheit nicht von allein, in dem ich gehorche.

Es erfüllt nicht des Herzens Sehnen die Pflicht des gedankenlosen Tuns.

Ich bin in euren Garten nicht gegangen, um zu freveln,

Sondern mit dem Erzittern meiner gefalteten Flügel

Zu staunen über das Erwachen einer Ahnung,

Wer ich dereinst mit ausgebreiteten Flügeln sein werde.“

 

Sie verwunderte sich noch über die fremden Worte, die sie da wie ihre eigenen aus ihrem Munde hatte strömen gehört hatte, als ihr mit einem Male seltsame Geräusche aus des Herren Mund zu Ohren kamen, als gurgelte er, würgte, als müsse er sich gleich seines Mageninhalts  entledigen, ruderte mit beiden Armen durch die Luft, als suche er Halt, sackte in die Knie. Aus allen Körperteilen ein Blubbern und Glucksen und mit Entsetzen sah sie, wie sich das feurig schöne Antlitz mit aufquellenden Blasen bedeckte, die wie in einem kochenden Wassertopf aufsprangen und von neuen nachgefolgt wurden. Ein beißender Gestank breitete sich in ihrer Nase aus und ließ sie rückwärts taumeln. Wie entsetzlich der Anblick, als Reiter und Ross zu einem wabernden Haufen zusammenkochte, von Stöhnen, aber vor allem vom Blubbern der aufspringenden Blasen begleitet. Der Gestank trieb sie immer weiter zurück, bis sie schließlich die Kraft fühlte, sich umzudrehen und wegzulaufen. Bald hörte sie sich immer lauter atmen, immer schneller, immer kürzer. Ihr Herz hämmerte im Hals. Was war geschehen? Was hatte sie da gerade erlebt? War das ein Traum? Was hatte sie gesagt, das so eine gewaltige Wirkung daraus gefolgt war?

 

Endlich sah sie das halboffene Tor vor sich. Augenblicklich verebbte ihr verzweifeltes Rennen. Und mehr mit ihrem Willen als mit der Kraft ihres armen Körpers tappte sie durch das Tor nach draußen. Ach, jeder, der sie da so hätte stehen sehen, schwankend und ganz erschöpft, nicht wissend, wie weiter, wär´ voller Mitleid auf sie zugegangen, um ihr zu helfen. Aber weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Tränen liefen ihr über das Gesicht. Warum kam denn keiner aus ihrer Familie, sie zu suchen? Und nach Hause zu holen? Was war ihr da Grausiges geschehen? War es vielleicht doch wahr, dass man Frauenzimmer nicht alleine ausgehen lassen sollte? Aber diesen abscheulichen Gedanken wollte sie gar nicht erst mächtig werden lassen. Sie hob ihren Kopf, begann, sich umzuschauen. Die Sonne war untergegangen, ließ ihre Anwesenheit noch ahnen in einem orangefarbenen Tortenstück am Horizont. Es war von lichtdurchfluteten blauen Wolken umspielt und die Jungfer  ließ sich aufseufzend hineinziehen in diese Freude. Diese Freude am Spiel mit den letzten Sprenkeln des Lichts.

 

Langsam zog es sie auf den Boden nieder, stachelig die Stoppeln einer gemähten Wiese durch ihr Kleid hindurch, ließ ihre Hände sich ertasten, wie sie in ihrem Schoß lagen, warm und still.

Ihr Atem ging wieder ruhig. Noch einmal seufzte sie tief auf. Und dann war er wieder da, der Rosenduft, der auch sogleich wieder einig ward mit ihrer Seele.