Die Lücke die der Teufel lässt

 

Unter diesen Titel hat Alexander Kluge Texte gestellt, von denen einer wie folgt beginnt:

 

„Sieben Rasenmäher kürzten in der Frühe des sonnenstarken Tages die Gräser in der Umgebung des Schlosses. Die jungen Teilnehmer des Kongresses joggten einzeln auf den Pfaden, die vom Schloss zum See führten, durch Gestrüpp und Tann."


Und so habe ich Kluges Text einmal in einer Schreibgruppe fortgesetzt:


Dr. Alfons Schwiezke vom Kulturhaus Brandenburg-West  hatte sich vom Vorabend ein Cervelatwurstbrot, in eine Serviette gewickelt, aufbewahrt, das er jetzt, zu kühlem Leitungswasser, verzehrte. Das Personal deckte zwar bereits die Frühstückstische, das hatte Schwietzke auf einem Rundgang festgestellt, ließ aber Gäste noch nicht in den zu gestaltenden Raum. Unschlüssig wischte sich Schwiezke mit den sauber gebliebenen Teilen der Serviette den Mund und die Finger ab, sog sich unter Zuhilfenahme der Zunge die Wurstreste aus den Zahnlücken. Was ließ sich noch anfangen bis zur Öffnung des Frühstücksraums? Ohne es wirklich zu beschließen, schlenderte er bereits den breitesten der Pfade entlang, auf ein Birkenwäldchen zu und nur so ganz vage zuckte etwas auf in ihm, diesen Menschen vielleicht noch einmal laufen zu sehen, den mit der schwarzen Jogginghose, an den Seiten orangefarbene Streifen, und nacktem Oberkörper. Nein, nicht dass er sich diesen Körper, diese gezügelte Kraft in den Schenkeln noch einmal ausgemalt hätte, dieses elastische Mitschwingen des Oberkörpers nach rechts und links, diesen frei bewegten Kopf. Nein, nein, dieses Aufblitzen war ein Schrecken gewesen, schon wieder, also doch.

 

Die könnten doch den Frühstückstisch wirklich schon am Abend eindecken. Er würde das noch heute anregen, wozu gehörte er schließlich zur Leitung des Kongresses. Frühstück um 8 Uhr; zu dumm, dass er das nicht schon vorher veranlasst hatte. Schwiezke ging schneller, wütend auf sich, auf die Situation, an jeder Wegbiegung ein wieselschneller Blick, lief da vorne jemand? Rechts durch die Birken schimmernd, er kniff die Augen zusammen, da liefen jetzt zwei nebeneinander.

 

Schwiezke warf den Kopf in den Nacken, schaute in die Baumkronen: die Vögel! Immer schon mal hatte er es genauer wissen wollen, wie sie hießen, wie sie aussahen, die da so hemmungslos die Gegend beschallten, sich einfach gehen lassen konnten mit dem, was sie offenbar am liebsten taten: zwitschern, flöten, krächzen.

 

Da an dem Pförtnerhäuschen, standen da welche? Gleich würde er den Kongress eröffnen. Bei dem Thema fast alles Grüne, da ging eine lockere Vorstellungsrunde, die Sitzordnung ganz zwanglos. Und wenn er nun neben ihm sitzen würde? Schlimmer wäre ihm direkt gegenüber. Schwiezke wurde heiß. Mein Gott, was rannte er aber auch! Mal rüberschlendern zum Pförtnerhäuschen, wer sich da gerade mit dem Pförtner unterhielt. Er wischte sich in den Hosentaschen die Hände trocken. Das war gar nicht der Pförtner. Einer von diesen Leuten, die mit dem Rasenmäher unterwegs waren und wohl ein Jogger. Er hörte sie lachen. Einfach nur so mal vorbeischauen. Schwiezke fühlte in die Muskeln seiner Mimik rein; wie ging jetzt lachen? Das hier war eine heitere, morgenfrische, ganz und gar unverfängliche Situation. Er lächelte, als er zu den beiden trat.