Flieg Vogel flieg

 

 

 

 

 

 

 

Die Käfigtür steht offen:

 

 

 

 „Flieg, Vogel, Flieg!“

 

 

 

 

 

 Theaterstück in 12 Szenen, 3 nächtlichen Träumen

 

 zum Thema: „Bedingungsloses Grundeinkommen“

 

 

 

 Eingereicht zum Wettbewerb um den

 

 Stuttgarter Autorenpreis 2010

 

 von Heidrun Knigge

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Handlung

 

 

 

Die Handlung vollzieht sich auf zwei Realitätsebenen: Auf der äußeren in Zeit und Raum und aufder inneren, psychischen, die sich in Nikos Traumszenen offenbart.

 

 

 

Kurzinhalt:

 

 

 

So unterschiedlich Herkunft und Biografie der Erwachsenen in diesem Stück sind: Bei näherem Hinsehen erfüllen sie doch (fast) alle die als Wünsche getarnten Vorgabenihrer Eltern und sind so Gefangeneim Käfig der Konventionen. Als sichmit dem Bedingungslosen Grundeinkommen die Käfigtür öffnet, ist an Fliegen erst einmalnicht zu denken.

 

 

 

Das Stück beginnt mit der Einweihungsparty der Penthouse-Luxus-Wohnung der Familie Herdingin einer Großstadt. VaterNiko, Ingenieur, Spitzenverdiener, erzählt seinen Gästen von China, wo er zurzeitfür sein Unternehmen arbeitet. Die Gäste sindehemalige, wie Nikoarrivierte Studienkollegen, ehemalige Hausnachbarn vom Land, wo Herdingsbisher gewohnt haben. MutterKerstin profiliert sich vor ihren Gästen als die Frau eines unbedingt erfolgreichen Mannes, die ihre Familie fest im Griff hat. Die Luxuswohnung istihre Initiative gewesen. Die drei Kinder sind an diesem Tagbei der Großmutter. Die Welt scheintin Ordnungzu sein.

 

 

 

In die Partystimmung platzt Birgit, Nikos ältere Schwester. Zu Kerstins Entsetzen fällt das Wort vom „Bedingungslosen Grundeinkommen“, daBirgit in einementsprechenden Netzwerk mitarbeitet. Kerstin kann nicht verhindern, dass eine kontroverse Diskussion darüber entbrennt.

 

 

 

DreiMonate später folgtNikos Absturz. Er sitzt in korrektem Unternehmens-Outfit im Sandkasten einer Migrantensiedlung und telefoniert verzweifelt. Im Gespräch mit seiner Schwester Birgit wird klar, dass Niko plötzlichseine Arbeit verloren hat. Seit einigen Tagen geht er hierher, weil ihn hier keiner kennt, und spielt seiner Frau vor, er arbeite nach wie vorim Unternehmen, weil er sich nicht traut, ihr von der Kündigung zu erzählen. „Wer bin ich denn noch für sie, wenn ich arbeitslos bin?“ Diese Frage bezieht sich auch auf seine Eltern, die ihn von Geburt an für eine große Karriere vorgesehen hatten.

 

 

 

Seine Verzweiflung beobachten zwei kleine Migrantenkinder, verwundert über diesen feinen Herren auf ihrem Spielplatz. Auch sie haben ein Geheimnis: Sie schwänzen Schule und Kindergarten, weil der Erstklässler wegen seinem langsamen in der Schule verspottet wird. Es entwickelt sich ein längeres  Gespräch zwischen diesen beiden Welten, bis Niko und die Kinder erstaunt entdecken, dass sie beide das gleiche Problem haben: Sie müssen zu Hause von ihrer Lage erzählen …und sie habenriesige Angst davor.

 

 

 

Erwartungsgemäß tobt Kerstin, als ihr Niko letztendlich dochvon der Kündigung erzählt. Sieüberlegt unverzüglich, wie Niko sofort wieder in eine seinem alten Job ähnlich hohe Position kommen könnte, bevor jemand von der Kündigung erfährt. Niko ist in ihrer Gegenwart blass und geradezu hilflos.

 

 

 

Da kommt Birgitmit einem deutschen Pilotprojekt zu Hilfe: Ein Sponsor stiftet ein Jahr lang für sieben Familien ein Bedingungsloses Grundeinkommen. Mit der Aussicht, dadurch die teure Luxuswohnung halten zu können („Was für eine Blamage vor meinen Eltern und den Freunden, wenn wir gleich wieder ausziehen müssten!“), stimmt Kerstinwiderwillig zu

 

unter der Bedingung, dass diese Abmachungabsolut geheim bleibt und sich Niko umgehend um einen neuen Job bemüht.

 

 

 

In der ersten nächtlichen Traumszene erkennt Niko, wie sehr ihn seine Mutter gedanklich schon in ihrem Bauch auf eine Karriere ganz nach oben getrimmt hat, um ihre Erfolglosigkeit und die ihres Mannes wettzumachen.  Er bittet sie in seinem Traum flehentlich darum, ihn jetzt frei zu lassen.

 

 

 

Die berührende Begegnung mit den zwei Kindern auf dem Spielplatz führt dazu, dassNiko sich dafür einsetzt, dass die türkische Familie auch das Bedingungslose Grundeinkommen bekommt, auch um sein schlechtes Gewissen zu kompensieren, dass er in seinem Wohlstand so viel Geld geschenkt bekommen soll. Er besucht die Familie, die das Geschenk euphorisch annimmt. Vater Erkan und Mutter Gylay würden ihren Job aufgeben und alles nachholen, was sie bisher versäumt haben: Deutschunterricht, Schulabschluss, individuelle Förderung ihrer Kinder.

 

 

 

Beide Familien bekommen tatsächlich den Zuschlag für das Pilotprojekt. Zu  Nikos Entsetzen, schließlich hat er das Bedingungslose Grundeinkommen für die türkische Familie veranlasst,  versinkt allerdings Vater Erkan in Lethargie undsitzt mit seinen alten Kumpels biertrinkend, türkisch redend vor dem neuen Flachbildschirm und guckt türkische Fußballspiele.

 

 

 

In allmählich vertrauensvolleren Gesprächen kommt heraus, dass Erkans Vater aufgebracht verboten hat, dass sein Sohn ein „deutsch Hans“  wird, er befürchtet, sein Sohn werde dann nur noch mit Deutschen befreundet sein wollen und sich seiner Herkunftsfamilie schämen. Weil in Erkans Ehrenkodex die Ehre seines Vaters beschmutzt würde, wenn der Sohn nicht gehorcht, hat Erkan die guten Vorsätzefallen gelassen, zumal die Ämter unverständliche Maßnahmen“ einfordern, wenn ältere Migranten noch Integrationsprogramme in Anspruch nehmen wollen.

 

                                                                                                                     

 

Niko sitzt verzweifelt zu Hause. Was hat er angerichtet? Die türkische Familie hat er wie entwurzelt vorgefunden. Brauchen die Menschen eben doch einen festen Halt in ihrem Job? Auch er ?  Wer braucht ihn denn hier schon in der Familie, außer dass er für sie Geld verdient?

 

 

 

Er fühlt sich verantwortlich für die türkische Familie; schließlich hat er sie in den desolaten Zustand gebracht. Obwohl sein Bedürfnis gewesen war, etwas zurückzugeben von diesem Geschenk des Bedingungslosen Grundeinkommens, das angesichts seines Wohlstands irgendwie ungerecht zu ihm gekommen war, war es nun so schief gelaufen  Kerstin tobt wieder einmal: Anstatt sich zügig um einen neuen Job zu kümmern, will sich ihr Mann jetzt um Türken kümmern: “Wenn das meine Eltern wüssten!“ Sie beleidigt ihren Mann dermaßen, dass er  in einem zweiten nächtlichen Traum  um das Erwachen seiner Willenskraft kämpft und sie körperlich orgiastisch erfährt.

 

 

 

Man hört über eines von Nikos Kindern, wie der Vater „wie verrückt über Türken googelt“.Er kämpft sich durch Integrationsämter und Bestimmungen durch, findet schließlichdas Berliner Projekt „Heroes“, in dem junge Türken die traditionelle Ehre ihrer Eltern hinterfragen, die auf Misstrauen untereinander beruht. Die neue, individuelle Ehre bekennt sich zu Vertrauen. Niko bringt einen türkischen Schauspieler mit in die türkische Familie, der im Projekt „Heroes“ in Rollenspielen festgefahrene Wertvorstellungen aufbricht. Anfängliche Wut und Widerstand in Erkans Familie gehen allmählich über in tiefes Berührtsein und das Erkennen, das man den Eltern mit einer anderen Meinung gegenüberstehen und ihnen gleichzeitig die eigene Liebe zu ihnen zeigen kann. Die Weichen sind neu gestellt. Ob Erkan es aber tatsächlichjetzt schonschaffen wird, sich von der Meinung des Vaters in Liebe zu distanzieren, bleibt erst mal offen.

 

 

 

In der 3. Traumszene sucht Niko seinen Vater: „Du bist so blass. Ich kann dich nicht finden in meinem Herzen“. Er sorgt sich, dass er seinem kleinen Sohn Friedrich jetzt vielleicht auch schon so ein „tiefgekühltes„Vaterbild eingepflanzt hat. Er beschließt, von nun an alles nachzuholen, was erbisher versäumt hat allein und mit seinen Kindern.

 

 

 

3 Monate später: Erkan und seine Frau besuchen Niko. Sie kommen mit Blumen, bedanken sich und ob sie denn nicht auch etwas für Niko und seine Familie tun könnten. Sie wollten etwas zurückgeben von dem Guten, das ihnen das Bedingungslose Grundeinkommen bringen würde. Nachdem sich Niko vor drei Monaten  enttäuscht zurückgezogen hatte, als Erkan seinen Vater nicht hatte überzeugen können, hatte wohl die älteste Tochter Selin, so erzählen die beiden, noch einen Vorstoß unternommen: sie hätten die Großeltern eingeladen und den ganzen Nachmittag nur türkisch gesprochen. Auch die Tochter, die sich ja sonst immer etwas abseits gestellt hätte und nur noch deutsch sprechen wollte. Als der Großvater sich lustig gemacht hätte über ihr schlechtes Türkisch, habe sie beschlossen, Türkisch als Leistungskurs in der Schule zu nehmen und später türkisch-deutsche Dolmetscherin zu werden und Übersetzerin  für türkische Literatur; nicht ohne dem Großvater zu versichern, dass er das bewirkt habe. Das habe die große Umkehr beim Vater bewirkt. Nun hätten sie bereits zweieinhalb Monate Unterricht gehabt, es sei so schwer: Die Waschmaschine würde den ganzen Tag laufen; so würden sie schwitzen beim Lernen.

 

 

 

Dieser Besuch ist Nikos Durchbruch. Er wird sich bewusst, wie sehr ihn dieses Engagement für die türkische Familie befriedigt hat, nachdem es nun Früchte zu tragen scheint. Er möchte sich fortbilden in der Thematik Einwanderer-Integration in Deutschland und wie er daran mitarbeiten kann. Jetzt erst wird ihm die Bedeutung des Bedingungslosen Grundeinkommens in seiner emanzipatorischen Wirkung klar. Niko entwickelt eine Strategie, wie er seine Frau davon überzeugen kann, dass sie das Penthouse schleunigst weiterverkaufen, damit sie noch eine Weile von dem Bedingungslosen Grundeinkommen und seiner Abfindung leben können, bis er seinen neuen Beruf gefunden hat.

 

 

 

Zu Nikos Strategie gehört zuallererst, seine Kinder zu überzeugen. Da seine Frau inzwischen tatsächlich in der Praxis arbeitet, lädt er seine Kinder zu einer „McDonalds-Party zu Hause ein, bei der er in einen kreativen Dialog mit seinen Kids kommt, wie das der Mutter schmackhaft gemacht werden könnte, die teure Wohnung aufzugeben und vor allem, ihren Mann frei einen neuen Beruf wählen zu lassen.

 

 

 

Einen Tag später zieht Niko temperamentvoll wie nie zuvor ins Feld, um zusammen mit seinen Kindern, Kerstin von der Unsinnigkeit ihrer momentanen Bleibe zu überzeugen. Alle vier sind so eingestimmt auf den Plan, dass immer, wenn Kerstin etwas sagen will, schon der Nächste seine Argumente vorbringt. Der Vorhang fällt, als sie endlich sagen kann: „ Jetzt möchte ich endlich auch etwas dazu sagen!“

 

 

 

In der letzten Szene wird das Publikum mit einer völlig auf den Kopf gestellten Einrichtung in Herdings feiner Penthouse-Wohnung überrascht: Vater Niko tobt als Seeräuber – nur mit Augenklappe undschwarzen, knielangen Leggings bekleidet – mit seinen Kindern in dem zu einem Schiff umgebauten Mobiliar. Mit großem Geschrei spielen die Vier „Sturm“: Wellenschlagen auf das Schiffsdeck, und Käpt´n Niko mussseine „Matrosen“ davor retten, über Bord zu gehen. Der ganze Hausrat istim Einsatz. In diese Szene tritt Kerstin auf, elegant mit zwei vollen Tragtüten. Als sie wieder einmal zu schreien beginnen will, stürmt Niko in voller Fahrt zu ihr hin, will ihr den Mund zuhalten, es wird aber ein Kuss, der immer leidenschaftlicher beide erfasst. Die Kinder sind begeistert. Die älteste Tochter ruft: „Käpt´n, die Matrosen gehen an Land!“, und die Kinder verschwinden leise in ihren Zimmern. Das Ehepaar sinktin leidenschaftlicher Umarmung auf das Sofa.

 

 

 

Ende.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Personen

 

 

 

Die deutsche Familie Herding:

 

 

 

Dr. Niko Herding, 45, mit lückenlosem Lebenslauf, Diplom-Ingenieur. Sein Selbstbewusstsein bezieht er ausschließlich aus seiner beruflichen Karriere, ansonsten lebt er anfangs vor sich selbst in Deckung, d.h.: emotionale Kontrolle, keine Gefühle (außer Ärger), vermeidet Blickkontakt, stereotype Mimik, monotone Stimme, kuscht vor seiner Frau.

 

Im Laufe des Stücks, markiert durch seine Träume, traut er sich Schritt für Schritt, immer mehr Flagge zu zeigen, wächst langsam aus seiner emotionalen Starre in kreative, emotionale Lebendigkeit hinein. Mit dieser Entwicklung, die ihm durch das vorübergehende Bedingungslose Grundeinkommen erst möglich wird, erwacht auch das Bedürfnis nach Freiräumen; d.h. er möchte gar nicht wieder sein ganzes Leben von einem Job beherrschen lassen. Er entdeckt das Leben.  

 

 

 

Kerstin Herding, 42, Psychologiestudium, danach gleich Heirat mit Niko, drei Kinder. Ihr Selbstbewusstsein bezieht sie aus der Tatsache, mit einem erfolgreichen Mann verheiratet zu sein. Sie ist unausgefüllt und frustriert, will baldals Psychologin arbeiten, glaubt aber nicht so recht an ihre Qualifikation. Ihre Hilflosigkeit, was ihre eigentlichen Bedürfnisse betrifft, lässt sie schnell jähzornig werden. Sie lebt dafür, dass alles in ihrer Familie von außen super aussieht. Das Projekt „Bedingungsloses Grundeinkommen“, in dem ihre Schwägerin Birgit mitarbeitet, riecht ihr zu sehr nach Sozialamt und das ist in ihren Augen Welten entfernt von dem Image einer Frau, die es zu einem Topmanager als Ehemann gebracht hat.  Siereagiert deshalb extrem abweisend auf dieses Projekt.

 

 

 

Sarah Herding, 11, begabte Musterschülerin, ein wenig streng

 

Emma Herding, 9, kreativ, ein bisschen hyperaktiv, lustig

 

Friedrich Herding, 7, ein wenig ängstlich, macht sich schnell Sorgen

 

 

 

 

 

Birgit, Nikos Schwester, Sozialarbeiterin, arbeitet gegenwärtig im Netzwerk Bedingungsloses Grundeinkommen mit, ausgeglichen, soziales Wesen, ironisch-kritische Distanz zur „Karierregeilheit“ ihres Bruders Niko.

 

 

 

 

 

Die Partygäste , 4 Paare oder mehr, je nach Bühne (jeder nur 2-3 Sätze):

 

Kerstins Bruder, Anfang 50, stattlich, Bauunternehmer, penetrant, laut (nur 2-3 Sätze)

 

 

 

 

 

Die türkische Familie Kilic:

 

 

 

Vater Erkan Kilic, 40, ein typischer Vertreter der 2. Generation der türkischen Einwanderer, sprachlich und beruflich nicht richtig integriert. Gutmütig, arbeitet als Wachmann.

 

Mutter Gylay Kilic, 38, arbeitet als Putzkraft amFlughafen.

 

Die Kinder:

 

Ahmed, 18, Gelegenheitsjobs, bewacht die Schwestern

 

Selin, 15, hat richtig Deutsch gelernt, geht auf die Realschule, will Abitur machen, zieht ihre Schwester mit

 

Ecrin, 12, lässt sich von Selin helfen, spricht auch gut deutsch.

 

Delil, 7, hat schon in der 1. Klasse Probleme, kommt nicht richtig mit

 

Ülku, 5, wach und intelligent, aber wird auch in der Schule Probleme kriegen, wenn

 

nicht bald was geschieht.

 

 

 

 

 

Ali Ütken, ein deutscher Türke, Schauspieler aus Berlin, der in dem Projekt „Heroes“ mitarbeitet, ausgebildet für Gruppenprozesse mit Rollenspielen und Fragetechniken. Wird von Niko zur Unterstützung in die türkische Familie mitgenommen, da er gerade in Nikos Stadt einen Tatort dreht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zum Bühnenbild:

 

 

 

Es gibt drei Schauplätze, die natürlich der jeweilige Bühnenbildner nach den Gegebenheiten gestalten würde. Ich habe sie in den entsprechenden Szenen genau beschrieben, damit ich mir die räumlichen Abläufe vorstellen kann. Aber wie die Schauplätze dann in einer Inszenierung aussehen  würden, ob nur mit Versatzstücken angedeutet o.ä., ist selbstverständlich offen.

 

 

 

 

 

  1. Modernes Luxus-Wohnzimmer mit integrierter Küche in der Penthouse-Wohnung der Familie Herding

 

 

 

  1. Spielplatz mit Sandkasten und angedeutetem Hochhaus im Hintergrund

 

 

 

  1. Wohnzimmer der türkischen Familie Kilic in einer Sozialwohnung

 

 

 

Die drei Traumszenen spielen sich vor dem Vorhang ab. Dazu fiel mir eine Schnur ein, an der eine mondförmige Laterne hängt, die jeweils am Ende des Traums weggezogen wird.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Autorin

 

 

 

Heidrun Knigge,

 

 

 

17. 8. 1933 in Masuren/Ostpreußen geboren, der Vater war Kaufmann und abends Schauspieler im Theaterverein, die Mutter gelernte Buchhändlerin. Zur Verzweiflung meiner Lehrer und meiner älteren Schwester war ich ein begeistertes, unordentliches, phantasievolles Kind, dem man mit großer Strenge die Linkshändigkeit austrieb.

 

 

 

Nach der Flucht die Jugend in Sachsen/DDR. Gymnasium Mittlere Reife.

 

 

 

Theaterausbildung und staatlicher Abschluss in West-Berlin. 6 Jahre Bühnenengagements als Schauspielerin und Regieassistentin. .

 

 

 

1959 - 98: Frankfurt/Main, Sprecherin/Autorin,/Lektorin beim Hessischen Rundfunk, Artikel in Zeitschriften,

 

 

 

1962 – 88 verheiratet, 2 Kinder: ein Sohn, eine Tochter.

 

 

 

Danach Ausbildungen in Humanistischer Psychologie, Gruppenleitung, Yoga und Meditation.

 

Bis heute selbständige Trainerin für „Authentisches Leben und Arbeiten“: Rhetorik, Kommunikation, öffentliches „Beziehungstheater“ (als dreistündiger Ein-Frau-Auftritt; kein Kabarett, eher Psychodrama), Kreativ Schreiben, Märcheninterpretation, Yoga und Meditation.

 

 

 

2009: Herausgabe meines ersten Buches: „Das Adrian Protokoll“. Ein „faction“- Roman über einen kleinen Jungen, der die Gedanken der anderen hört und bevor er daran zerbricht,  seine Umgebung dazu bringt, aus Mitgefühl mit ihm freundlicher zu denken.

 

 

 

2010: Erst Ende Juli 2010 erfuhr ich von diesem Autorenwettbewerb mit dem Thema Bedingungsloses Grundeinkommen. In dieser kurzen Zeit mein erstes Theaterstück zu schreiben und tatsächlich auch einzureichen, das konnte nur das Thema Bedingungsloses Grundeinkommen bewirken. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Heidrun Knigge

 

Kurhessenstraße 44

 

60431 Frankfurt am Main

 

Telefon: 069 366 030 41

 

Fax: 069 366 031 08

 

Email: authentisch@heidrunknigge.de

 

www.heidrunknigge.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Theaterstück

 

 

 

 

 

Die Käfigtür steht offen:

 

„Flieg, Vogel, flieg!“

 

 

 

 

 

1. Akt, 1. Szene

 

 

 

Angeregte Abendgesellschaft: House-warming-Party. Star des Abends ist die neue hypermoderne Penthouse-Wohnung der Familie Herding: Wohnraum mit Kamin, schwarzen Ledersofas und –sesseln und integrierter Küche. Links die angedeuteten Türen zu den Schlaf- und Kinderzimmern. Seitlich rechts große Glasfront zum Dachgarten mit Großstadtpanorama. Da wird gegrillt. Die mehr oder minder festlich gekleideten Gäste gehen raus und mit vollen Tellern wieder rein. 5-10 Paare, je nachdem, was die Bühne hergibt. Leise Discomusik. Allgemeines Partygemurmel.

 

 

 

Niko (ist als Hausherr und Gastgeber zu erkennen, schenkt Getränke ein, entkorkt Flaschen etc.)

 

 

 

Kerstins Bruder ( kauend, sich die Finger ableckend):

 

Na Schwesterherz, da haste ja was auf die Beine gestellt! (Schaut sich anerkennend um): „Klare Linien. Das hat Stil. Das hat Format. Damitkönnt ihr jeden Chef von Niko beeindrucken!

 

 

 

Kerstin(lachend):

 

Verglichen mit deiner Villa ja wohl eher bescheiden!

 

 

 

Kerstins Bruder ( Geste komischer Verzweiflung, eher leise für sich):

 

Sind wir immer noch Rivalen?

 

 

 

Die Damen beginnen sich auf den über Eck stehenden schwarzen Ledersofas (mit Chromfü

 

 

 

ßen) niederzulassen. Die Herren formieren sich mehr und mehr in der Raummitte zum Gespräch.

 

 

 

Niko (mit verschränkten Armen):

 

Meine Firma hat Milliardenaufträge in China. Wir stellen denen gerade in großem Stil Werkzeugmaschinen hin, die ich entwickelt habe. Da muss ich vor Ort sein, arbeite die ein, bin manchmal wochenlang drüben.

 

 

 

1. Gast:

 

Na, pass nur auf, dass du nicht überflüssig wirst, wie es meinem Schwager gegangen ist. Die Chinesen haben das Know-how kopiert, und schwups war er draußen!

 

 

 

Niko:

 

Nein, nein, da haben wir schon vorgebeugt! Wir wissen ja, wie die Brüder drüben ticken! Da gibt es langfristige Verträge. Daran ist nicht zu rütteln!

 

 

 

1.Gast:

 

Ist das nicht schwierig mit der Familie? Wird man sich da nicht fremd?

 

 

 

Niko:

 

Ach na ja, wozu gibt’s Handys! Das klappt eigentlich ganz gut!

 

 

 

Das Männergespräch wird leiser, während die Damen jetzt lauter werden.

 

Kerstin:

 

Ich find´s ok, dass mein Mann so oft im Ausland ist. Werde jetzt in der Innenstadt in eine Psychologenpraxis mit einsteigen, deshalb sind wir ja auch in die Stadt gezogen. Die Kinder sind jetzt aus dem Gröbsten raus.

 

 

 

1.Frau:

 

Wo sind denn überhaupt die Kinder?

 

 

 

Kerstin:

 

 Die sind übers Wochenende bei meiner Mutter.

 

 

 

1.Frau:

 

Meine Hermine jammert so, dass deine Emma nicht mehr da ist. Sie hat sie so geliebt! Was haben die schön gespielt draußen! Das wird für Emma ja nicht leicht in der Großstadt, so wild und phantasievoll wie sie ist.

 

 

 

Kerstin,( runzelt die Stirn, schüttelt den Kopf):

 

Nein, das habe ich schon alles organisiert. Emma nimmt an einem Projekt für Kinder mit ADS-Störungen teil. Marie braucht jetzt für ihren Geigenunterricht qualifiziertere Lehrer, die findet man nicht auf dem Land, und Friedrich ist ja noch in der ersten Klasse. Da findet er mit Sicherheit bald Freunde.“

 

 

 

2. Frau:

 

Stell ich mir echt schwer vor, wenn der Mann so viel weg ist. Für mich wär das nichts.“

 

 

 

Kerstin (ziemlich forsch):

 

Selbst wenn der da wäre, würde er auch abends noch arbeiten. Er ist halt einrichtiger Workaholic.

 

 

 

4. Frau (lacht):

 

Ja, ja, wenn die Männer nicht ihre Beschäftigung haben!

 

 

 

2.Frau:

 

Meinem Mann sind die Kinder sehr wichtig. Spielt mit ihnen, wo er nur kann. Kümmert sich auch um die Hausaufgaben.

 

 

 

Kerstin:

 

Ich habe ja großen Respekt vor dem, was Niko leistet. Sonst könnten wir uns das hier gar nicht leisten! (macht  ausladende Geste über ihr Herrschaftsgebiet)

 

 

 

Es klingelt. (Beeindruckende Dreiklangglocke o.ä.).

 

 

 

Kerstin (ruft quer durch den Raum zu Niko):

 

Niko, gehst du?

 

 

 

(Niko geht öffnen, kommt mit seiner Schwester Birgit zu den Gästen).

 

Niko:

 

Das ist meine Schwester Birgit.

 

 

 

(Birgit begrüßt Gäste, die sie offensichtlich schon kennt, per Handschlag, unter anderem Kerstins Bruder).

 

 

 

Kerstins Bruder (mit dröhnender Stimme):

 

Hallo Birgit! Na? Biste immer noch in diesem komischen Netzwerk?

 

 

 

Birgit (ärgert sich, gequält lachend):

 

Ach Schwager! Wie wärs zur Abwechslung mal mit Toleranz?

 

 

 

Kerstins Bruder:

 

Toleranz heb ich mir für was Besseres auf. Dieses Bedingungslose Grundeinkommen ist in meinen Augen ein schlechter Scherz.

 

 

 

Kerstin: (ruft rüber zur Herrengruppe)

 

Markus, verdirb uns nicht den Abend mit diesem Horrorthema!

 

 

 

Niko: Komm Birgit! Ich kanns auch nicht mehr hören. Magst du was vom Grill? Oder vom Buffet?

 

 

 

Birgit (schaut sich mit skeptisch-ironischem Blick um):

 

Wie gemütlich! Erinnert mich irgendwie an die Chefetage einer Großbank. Wie seid ihr denn da dran gekommen?

 

 

 

Niko:

 

Das musst du Kerstin fragen. Ich habe nur telefonisch aus China meine Zustimmung gegeben.

 

Du weißt ja, wenn Kerstin etwas will…

 

(Niko verlässt mit Birgit den Raum durch die Glastür zur Dachterrasse).  

 

 

 

1.Mann:

 

Was heißt das denn, Bedingungsloses Grundeinkommen?

 

2. Mann:

 

Da hat sich wohl jemand ausgerechnet, dass es bezahlbar wäre vom Staat, wenn man jedem Bürger von der Geburt bis zum Tode einen Betrag zwischen 6oo und 1500 Euro zahlen würde. Sozialhilfen und Renten mit dem ganzen aufwendigen Kontrollapparat wären dann überflüssig.

 

 

 

(Kerstin kann nicht verhindern, dass sich immer mehr Damen zu den Herren stellen, weil sie das Thema offensichtlich interessiert; so stellt sie sich denn notgedrungen auch dazu).

 

 

 

2. Frau:

 

Das ist ja eine tolle Idee! Wie viele Menschen arbeiten schließlich ohne Bezahlung und dafür werden sie dann auch noch gering geschätzt in der Gesellschaft! – Ich schäme mich immer, wenn mich jemand fragt, ob ich denn gar nicht arbeite. Doch, sag ich, den ganzen Tag und die halbe Nacht. Aber ohne Bezahlung. Ich habe nämlich drei Kinder und eine kranke Mutter!

 

 

 

Kerstin (sehr gereizt):

 

Aber dafür verdient doch dein Mann das Geld für die Familie! Das ist doch eine gesunde Arbeitsteilung!

 

 

 

3.Mann:

 

Ich würde mir auch irgendwie wertlos vorkommen, wenn meine bezahlte Arbeit gar nicht mehr gebraucht würde. Wenn die Familie auch ohne meine Arbeit klar kommt, wer bin ich denn dann noch?

 

 

 

4.Mann (belustigt):

 

Das geht mir zu weit. Mich ausschließlich darüber zu definieren, dass ich Geld verdiene. Geld muss wohl sein, aber doch dafür, dass ich meinen Interessen nachgehen kann.

 

 

 

1.Mann (aufgeregt)

 

Ja, aber eben das geht ja nicht mehr! Ich komme abends um neun aus dem Büro und sitze dann noch bis Mitternacht am Computer für das Unternehmen. Von eigenen Interessen ist bei mir schon lange nicht mehr die Rede. Wenn ich denke, was ich mal für Träume hatte!

 

 

 

 

 

Kerstins Bruder (aufgeregt):

 

Aber das sind doch Ausnahmen. Der Mensch ist doch für das Belohnungsprinzip geschaffen. Wofür soll er sich denn anstrengen, wenn er die Taschen schon voll hat?

 

 

 

4.Mann:

 

„Volle Taschen“, das ist doch relativ! Es geht um existenzielle Grundsicherung, nicht um Luxus. Um dir den Traum einer Segelyacht zu erfüllen, kannst du dich ja in bezahlte Arbeit stürzen, vielleicht sogar in eine, die dir Spaß macht. Denn du kannst ja dann wählen. Du bist ja frei!

 

 

 

(Als Birgit wieder in den Wohnraum kommt, springt Kerstin auf, rennt zur Stereoanlage, dreht die laufende Discomusik ganz laut).

 

 

 

Kerstin (die Musik übertönend):

 

Lasst uns tanzen, Leute!

 

 

 

(Sie greift sich Niko und tanzt mit ihm. Niko tritt nur von einem Bein aufs andere, „tanzt“ steif und unpersönlich. Ein Paar nach dem anderen folgt. „Ohne Anfassen“)

 

 

 

Birgit (sitzt mit ihrem vollen Teller und genießt sichtlich, in Ruhe zu essen. Sie schaut den Tanzenden zu).

 

 

 

Vorhang

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Akt, 2. Szene

 

 

 

Ein Spielplatz mit den üblichen Geräten. Im nahen Hintergrund die Andeutung eines leicht ramponierten Hochhauses, auf dessen Balkonen Satellitenschüsseln zu sehen sind. Im Vordergrund sitzt auf dem Holzrand eines Sandkastens Niko Herding und spricht in sein Handy. Er hat ein tadelloses Outfit, als müsse er gleich in sein Unternehmen fahren.

 

 

 

Niko (gereizt, nervös)

 

Birgit begreife doch: das ist endgültig. Die Chinesen haben unserem Vorstand ganz klar mitgeteilt, ich hätte ihre Techniker so gut eingewiesen, sie so gut ausgebildet für die Fertigung, dass sie mich nicht mehr brauchten. Und meine Firma hat mich dann wohl für ein anderes Projekt einteilen wollen, aber das übernimmt nun zusätzlich unser Indienexperte. Vielleicht, weil er zehn Jahre jünger ist?“

 

 

 

(Hinter Niko spielen zwei türkisch aussehende Kinder, ein etwa fünfjähriges Mädchen und ein etwa siebenjähriger Junge. Die Kinder sind offensichtlich irritiert von diesem vornehmen Herrn auf ihrem Spielplatz: Sie tuscheln, kichern. Das Mädchen wirft ganz vorsichtig ein bisschen Sand auf Nikos Rücken. Niko dreht sich ärgerlich um, ohne sein Telefonat zu unterbrechen, und scheucht das Kind mit ärgerlicher Geste weg).

 

 

 

Niko (ins Handy):

 

Wie geht man jetzt vor? Wenn ich es Kerstin sage, rastet die doch völlig aus. Jetzt, wo wir auch noch dieses Penthouse am Hals haben!“(er hört Birgit zu, wird davon offensichtlich immer gereizter) „Nein, keine Übergangszeit. Du weißt, das Unternehmen ist in amerikanischer Hand – voreiner Woche wurde ich ins Personalbüro gerufen, knappe Erklärung für die Kündigung, die Abfindung wird auf Ihr Konto überwiesen, räumen Sie bitte jetzt gleich ihren Schreibtisch und kommen Sie sich dann ihre Papiere holen.

 

(Niko holt tief Luft, bleibt aber in seinem gewohnten, emotionalen Korsett)

 

 

 

(Die Kinder hören, in welcher Lage Niko ist, flüstern, rennen weg).

 

 

 

Niko (hört Birgit zu, schaut sich in der Gegend um):

 

Ich bin hier irgendwo in so´nem asozialen Viertel, wo mich keiner kennt. Jeden Morgen tue ich so, als wenn ich zur Arbeit ginge, kaufe mir ne Zeitung und sitze hier rum.  - Birgit, ich verlasse mich drauf:  Du sagst es niemandem! Denn sonst  erfährt es auch gleich die Familie. Für die bin ich doch der Größte. Was für eine Karriere, unser Sohn. Du weißt, vom Munde abgespart haben sie sich mein Studium. Die Mutter so verbittert, dass es ihr Mann nicht weiter gebracht hat. Aber Ihr Sohn! (hört zu, nickt) Ich weiß, das war für dich nicht einfach: (gereizt, nicht wirklich anerkennend): wie viel du für andere Menschen geleistet hast in deinem Beruf – und die Mutter nur immer gefragt hat, wann du denn endlich einen Mann findest. “ (Er hört zu, nickt): „Ja, ich weiß, Du hast meine Karriere immer kritisch gesehen, trotzdem bist du jetzt die Einzige, mit der ich über das Desaster reden kann.

 

Birgit, wer bin ich denn für meine Familie, für Kerstin, wenn ich nicht mehr der Spitzenverdiener bin? ((Er wischt sich mit heftiger Geste übers Gesicht. Hört dann wieder zu, schüttelt ärgerlich den Kopf): Nein, so hochbezahlte Leute wie mich wollen sie jetzt überall loswerden. Lieber zwei junge Hochbegabte dafür, die man billig in der Uni einkaufen kann. Ichmach mir nichts vor: Mit 46 Jahren kommst du nirgends mehr schnell rein zu den gleichen Bedingungen. Als Berater für Projekte ja, aber das ist alles nichts auf Dauer. Dafür laufen zu viele in meiner Situation herum. -  (er hört zu, zieht die Lippen zwischen die Zähne, dreht die Augen zum Himmel):  Ja, du hast ja recht, ich muss es ihr sagen. (gereizt). Nun hör schon auf. Ich weiß schon, was ich zu tun habe. Machs gut. Tschüs.

 

 

 

(Die beiden Kinder kommen näher. Das kleine Mädchen hält die Hände auf dem Rücken. Niko zieht eine Zeitung aus seinem Aktenkoffer, schlägt sie auf, beginnt zu lesen, die Kinder rücken ihm immer näher, flüstern miteinander).

 

 

 

Niko (macht mit dem Handrücken eine Geste, als wollte er Fliegen  wegscheuchen):

 

Spielt woanders. Der Spielplatz ist groß genug.

 

 

 

(Das kleine Mädchen Ülku lächelt schüchtern, kommt vorsichtig noch näher und streckt ihm eine Tafel Schokolade hin, ohne etwas zu sagen).

 

 

 

Niko (völlig überrascht, aber ohne die aufgeklappte Zeitung aus der Hand zu legen, mit  unwilligem Gesicht):

 

Warum?

 

 

 

(Die ganze türkische Familie spricht  gebrochen deutsch, außer den beiden großen Töchtern. Ich überlasse es  der Regie und den Schauspielern, wie sie das gestalten wollen. Hier schreibe ich normales Deutsch; das müsste gebrochen werden.)

 

 

 

Das Mädchen Ülku:

 

Weil du so traurig bist.

 

 

 

Niko (lässt die Zeitung in den Schoß fallen, faltet sie langsam zusammen. Es sollte rüberkommen, dass ihn der Satz dieses fremden Kindes gerade eben durch seinen Panzer hindurch im Herzen erwischt hat. Da ist ein mitfühlendes Menschenkind, einfach so. Eine Schlüsselszene für alles Weitere. Er reißt sich wie immer zusammen):  

 

Woher?

 

 

 

(Die Kinder schauen sich verschämt an, sagen nichts.)

 

 

 

Niko:

 

Ihr habt sie für mich im Supermarkt da vorn geklaut, stimmt´ s?

 

(

 

(Ülkus Hand  mit der Schokolade sinkt herunter. Die Kinder schauen sich an, nicken zögernd).

 

 

 

Niko (steht steif auf, legt die Zeitung auf den Sandkastenrand, geht zu Ülku, nimmt ihr die Schokolade aus der Hand und tippt mit ihr kurz auf ihren Kopf. Er macht die Schokolade auf, geht zum Sandkasten, winkt die Kinder heran, sich zu ihm zu setzen. Sie sitzen alle drei im Sand, essen die Schokolade. Niko betrachtet die Kinder, von oben herab):

 

Was macht ihr hier so allein? Wo ist eure Mutter?

 

 

 

(Die Kinder zieren sich. Der Junge schaut das Mädchen drohend an, als ob sie nichts verraten solle.)

 

 

 

Niko:

 

Habt ihr keine Schule?

 

 

 

 

 

Ülku:

 

Es ist zu schwer für Delil. Er versteht die Lehrerin nicht. Die spricht zu schnell für Delil.“

 

 

 

(Niko schaut zu Delil.)

 

 

 

Delil  (ist das peinlich, er haut nach seiner Schwester und schimpft):

 

Ist nicht wahr. Ülku spinnt. (Er zeigt ihr einen Vogel).

 

 

 

Niko:

 

Ich hab´ auch Sorgen,  hab` gerade meine Arbeit verloren. Du kannst mir ruhig sagen, was ist.“

 

 

 

Delil (kämpft mit den Tränen):

 

Die lachen über mich in der Schule. Ich bin zu langsam, sagen sie. Aber ich bin stark. Da geb` ich denen auf die Nase, und dann muss ich in der Ecke stehen.

 

 

 

Niko:

 

Und da gehst du jetzt einfach nicht mehr hin?

 

 

 

Ülku:

 

Delil bringt mich immer in den Kindergarten, weil unsere Mama muss schon in der Nacht zum Putzen auf den Flughafen. Aber ich bleib` bei Delil, dann ist er nicht so allein.“

 

 

 

Niko (er fragt das alles eher, um die Zeit tot zu schlagen, nicht weil er wirklich interessiert ist):

 

Also wie? Eure Mama arbeitet schon früh morgens im Flughafen? Und ihr steht dann allein auf und Delil soll dich in den Kindergarten bringen und dann in die Schule gehen?

 

 

 

Ülku:

 

Nein, wenn mein Papa kommt von der Arbeit, mein Papa ist Wachmann in Einkaufszentrum in der Nacht, und wenn er morgens kommt, dann weckt er uns fünf Kinder und wir essen Frühstück, meine großen Schwestern gehen schon früher, weil ihre Schule  weiter weg ist und dann schickt der Papa uns beide los und dann geht er schlafen.

 

 

 

Niko:

 

Und deshalb müsst ihr hier auf dem Spielplatz sein, damit der Vater denkt, dass ihr in der Schule und im Kindergarten seid.

 

 (Beide Kinder nicken. Niko nachdenklich):

 

Dann seht ihr ja euren Papa fast gar nicht?

 

 

 

Ülku: Nur, wenn er ganz müde ist oder gleich zur Arbeit muss.

 

 

 

Niko (sieht plötzlich  seine eigene Rolle in der Familie  wie im Spiegel. Vorsichtig):

 

Und? Wie ist das für Euch?

 

 

 

Ülku und Delil (zucken mit den Schultern, verstehen die Frage nicht)

 

 

 

Niko:

 

Ich meine, würdet ihr gerne was mit eurem Vater zusammen machen? Einfach, dass er mehr Zeit hätte für Euch?

 

 

 

Ülku:

 

Ja, das wär toll! Ich hab meinen Papa so lieb, im Urlaub ist er so lustig, aber sonst hat er keine Zeit für mich.

 

 

 

Niko (beendet das Thema ruckartig mit einem tiefen Schnaufer aus dem Bauch, wieder ganz Organisator zu Delil gewendet):

 

Du musst es deinen Eltern sagen, was da in der Schule ist, und natürlich  werden sie schimpfen, oder?

 

 

 

(Delil nickt bedrückt).

 

 

 

Niko:

 

Siehst du, bei mir ist das genauso: Ich muss jetzt nach Hause gehen und meiner Frau

 

sagen, dass ich meine Arbeit verloren habe – und was denkst du, wird sie sich freuen?

 

 

 

(Der Junge Delil, zieht die Schultern hoch, macht ein dramatisches Gesicht mit aufgerissenen Augen und schüttelt schließlich den Kopf).

 

 

 

Niko:

 

Genau so wird es sein. Sie wird sich tierisch aufregen. Und dass ihre Familie es nicht erfahren soll. Und wie sie jetzt vor ihren Freunden dasteht, wenn wir aus unserer teuren Wohnung ausziehen müssen.

 

( sitzt einen Moment mit verbissenem Gesicht, als er sich die Szene vorstellt. Dann schaut er zu der kleinen Ülku):

 

Du hast ja noch deine kleine Schwester zur Seite. (wendet sich wieder zu Delil)

 

Wir gehen jetzt jeder nach Hause und sagen, was passiert ist, ok?“

 

 

 

 Delil seufzt schwer auf, wiegt den Kopf hin und her.

 

 

 

Vorhang

 

 

 

 


1. Akt, 3. Szene   „Am gleichen Tag nachmittags“

 

 

 

In Herdings Penthouse-Wohnung. Kerstin liegt auf dem Ledersofa, die Hände vor das Gesicht geschlagen. Niko sitzt hilflos auf der Sofakante. Hat seine eine Hand irgendwo auf ihrem Körper liegen und schaut geradeaus ins Leere.

 

 

 

Kerstin (laut):

 

Nein! Nein! Dass das ausgerechnet jetzt passieren musste! Und ich hatte alles so gut organisiert! Und hab das überall rumerzählt! Na, die werden sich freuen, dass bei der Kerstin auch mal so richtig wasschief läuft! (wütend) Und wie du immer betont hast, dass dich die Chinesen noch ewig brauchen werden! Da siehste mal, wie du dich geirrt hast! Da hätte ich mich niemals drauf verlassen dürfen! Da hätt` ich doch niemals diese Wohnung gekauft!

 

 

 

Sarah, die älteste Tochter, kommt aus ihrem Zimmer gerannt.

 

 

 

Sarah (erschrocken):

 

Mama! Was ist passiert?

 

 

 

Niko (mit ärgerlicher Geste):

 

Bitte geh in dein Zimmer. Wir müssen hier etwas Ernstes besprechen!

 

 

 

Kerstin, (sich aufsetzend):

 

Bitte geh zu Emma und Friedrich. Lies ihnen was vor.

 

 

 

Sarah geht erschrocken und zögernd zu den Kinderzimmern.

 

 

 

Kerstin:

 

Wir müssen das absolut geheim halten! Das darf kein Mensch erfahren! Wenn das meine Eltern hören, ist die Hölle los! (ahmt die Stimme ihrer Mutter übertrieben nach): „Was hast du für ein Glück mit diesem Mann!“ (schüttelt verzweifelt den Kopf).

 

Du setzt jetzt alle Hebel in Bewegung, damit du umgehend eine neue Stelle findest; dann können wir das Desaster hier mit deiner Abfindung vielleicht so lange überbrücken. Ich sehe zu, dass ich in der Psychologenpraxis ganztags Patienten annehme. Du kümmerst dich in der Zeit um die Kinder. (schweigt kurz) So machen wir das.“

 

Niko (leise):

 

Hoffentlich klappt das alles so leicht, wie du dir das vorstellst. Ich meine …

 

 

 

(Es klingelt an der Wohnungstür. Niko springt auf, schaut Kerstin zum ersten Mal richtig an. Auch sie springt auf und zieht ihre Kleidung glatt.)

 

 

 

Kerstin:

 

Ich erwarte niemanden. Vielleicht für die Kinder?

 

 

 

(Niko geht zur Tür, man hört ihn im Flur sprechen).

 

 

 

Niko:

 

Hallo Birgit! Was machst du denn hier?

 

 

 

Birgit (noch unsichtbar im Flur):

 

Du, es könnte sein, dass sich eine Lösung für euer Problem anbahnt. Ist Kerstin da?

 

 

 

Sie treten ins Wohnzimmer.

 

 

 

Kerstin (frostig, zu Niko):

 

Was hast du deiner Schwester erzählt?

 

 

 

Niko (schaut Kerstin nicht an):

 

Birgit hat mich zufällig angerufen, da hab ich am Rande angedeutet, was passiert ist.

 

 

 

Birgit:

 

Ich habe mit niemandem darüber gesprochen, Kerstin. Ich möchte euch helfen – ich weiß doch, wie unsere Familien reagieren würden.

 

 

 

Kerstin:

 

Du weißt, dass ich keine Freundin deiner Ideen bin.

 

 

 

Niko :

 

Birgit, komm nimm Platz, mochtest du was trinken?

 

 

 

Birgit (schüttelt den Kopf, schaut beide ruhig an):

 

Ich wüsste eine Möglichkeit, dass der Druck mit den Raten erst mal wegfällt.

 

Das ist alles total frisch. Wir haben im Netzwerk erst heute Morgen davon erfahren.

 

 

 

Niko:

 

Mach’s nicht so spannend! Um was geht es konkret?

 

 

 

Birgit:

 

Es gibt einen Sponsor, der Geld dafür bereitstellt, dass mit sieben Familien eine Art  Versuchsballon gestartet wird: Sie erhalten ein Jahr lang das Bedingungslose Grundeinkommen.

 

 

 

Kerstin:

 

Und wie viel ist das, bitteschön?

 

Birgit:

 

Fürjedes Familienmitglied monatlich 800,- Euro.

 

 

 

Niko und Kerstin sitzen wie erstarrt da, schauen sich an, dann Kerstin zu Birgit.

 

 

 

Kerstin:

 

Welche Bedingungen sind daran geknüpft?

 

 

 

Birgit:

 

Keine. Aber ich denke mal, dass schon geschaut wird, was diese Familien mit dem Geld machen. Das Ganze wird ja auch wissenschaftlich begleitet. Aber Bedingungen gibt es ausdrücklich keine; auch nicht, wie bedürftig eine Familie ist.

 

 

 

Niko:

 

Aber du als meine Schwester darfst doch unsere Familie nicht vorschlagen, trotz deines anderen Nachnamens!

 

 

 

Birgit (nickt):

 

Ich werde ganz klar im Netzwerk sagen, dass du mein Bruder bist – aber auch, in welcher

 

Lage ihr seid.

 

Es soll ja ganz ausdrücklich kein Unterschied in der Bedürftigkeit gemacht werden.

 

(schaut beide an) Doch bevor ich eure Familie ins Gespräch bringe, wollte ich natürlich erst einmal hören, ob ihr interessiert seid.

 

 

 

Niko (blickt verstohlen zu Kerstin):

 

Was meinst du?

 

 

 

Kerstin:

 

Kann ich mich darauf verlassen, dass das alles absolut geheim bleibt?“

 

 

 

Birgit:

 

Das kann ich versprechen. Das Netzwerk wird die Adressen der sieben Familien nicht herausgeben.

 

 

 

Kerstin:

 

Also, wenn da keine Bedingungen dran geknüpft sind … (zu Niko) Und wenn du dich genau so energisch um einen neuen Job bemühst, als wenn wir dieses Geld nicht bekommen würden …

 

Niko (Blick auf dem Boden, keine Reaktion):

 

 

 

Kerstin:

 

Gut, Birgit, dann danken wir dir, dass du an uns gedacht hast. Ich weiß, du wirst dein Möglichstes tun.

 

 

 

Birgit (steht auf):

 

O.k. – ihr hört von mir, sobald es entschieden ist!

 

 

 

(Sie verabschieden sich. Niko und Kerstin bringen Birgit zur Tür. Als sie schon draußen und das Ehepaar wieder im Wohnzimmer ist, dreht sich Niko abrupt um und läuft noch einmalzur Wohnungstür.)

 

Niko (ruft):

 

Birgit, ich hab da noch eine Idee!“ (Man hört ihn im Flur zu Birgit sprechen. Es ist auch für Kerstin gut zu verstehen.) Ich kenne eine türkische Familie mit fünf Kindern. Die würden das bestimmt auch gut brauchen können. Darf ich die mal fragen, ob sie auch mitmachen würden? Könntest du dich für die mit einsetzen?

 

 

 

Birgit:

 

Ja – aber ich kann natürlich nichts versprechen. Macht’s gut!

 

 

 

Man hört, dass die Wohnungstür geschlossen wird. Niko betritt wieder das Wohnzimmer.

 

 

 

Kerstin (mit gerunzelter Stirn):

 

Was war das denn jetzt?

 

 


1. Akt, 4. Szene

 

 

 

(Ein kleines Wohnzimmer. Ikeamöbel. Unter der Decke an der Wand ein Plakat mit Erdogans Foto. Mittelgroßer Fernseher, zwei bunte Sofas. Esstisch mit sieben Stühlen. Bunter Teppichboden. Die türkische Familie Kilic sitzt feingemacht auf den Sofas und einigen Stühlen. Nur die Jüngsten, Ülku und Delil fehlen. Es stehen Kuchen, Kaffeekanne und -tassen, Gläser, Wasser und Bier auf dem Tisch.)

 

 

 

Selin(sie spricht am besten deutsch):

 

So ein Schwachsinn! Jetzt sitzen wir hier und warten auf den großen Unbekannten. Ich hab keinen Bock, hier meinen Nachmittag abzutöten. Ich will zu meinen Freunden!

 

 

 

Ecrin:

 

Ich auch. Lass uns abhauen! Das nervt hier echt.

 

 

 

Ercan:

 

Der Mann will uns ein Angebot machen. Vielleicht hat er bessere Arbeit für mich.

 

 

 

Selin:

 

Was isn das fürn Typ, der sich aufm Spielplatz rumtreibt? Wer weiß, was der mit unserer kleinen Ülku vorhat. Papahätte unbedingt mitgehen sollen, um ihn da abzuholen.

 

 

 

(ab hier gilt wieder, dass ich die Texte der Türken hochdeutsch schreibe, die dann von Regie/Schauspielern gebrochen werden müssten, außer bei den großen Töchtern Selin und Ecrin, die hochdeutsch sprechen).

 

 

 

Gylay:

 

Jetzt seid nicht so frech. Das ist ein feiner Herr. Wenn er den Kindern was tun wollte, hätte er nicht gefragt, ob er uns besuchen könnte.

 

 

 

Es klingelt. Alle setzen sich gerade. Mutter Gylay zupft ihr Kopftuch zurecht. Vater Ercan geht an die Tür und kommt mit Niko und den beiden strahlenden Kindern zurück. Ülku hält sich mit beiden Händen an Nikos Rechter fest. Niko trägtT-Shirt, Jogginghose und -schuhe. Erkan stellt jeden seiner Familie einzeln vor. Alle geben Niko die Hand.

 

 

 

Niko (schaut niemanden an, verbirgt sein soziales Engagement, das er erst mal spontan ohne großes Überlegen begonnen hatte, hinter seiner üblichen Fassade:

 

Ich habe Ihre Kinder auf dem Spielplatz kennen gelernt. Sie haben ein bisschen erzählt, wie Sie so leben und dass beide Eltern Arbeit haben. Ich habe nämlich gerade meine Arbeit verloren, deshalb war ich auch so oft auf dem Spielplatz. Ich bin hierher gekommen, um Ihnen ein Angebot zu machen.  

 

 

 

Erkan:

 

Bitte nehmen Sie Platz. Ich will nur gleich sagen, bei uns Türken hängt alles ab von der deutschen Sprache. Da gehen bei vielen von uns nur die Jobs, bei denen es nicht darauf ankommt.

 

 

 

Niko:

 

Ja, Ihre kleine Tochter hat erzählt, dass Sie nachts als Wachmann arbeiten und tagsüber schla

 

fen müssen, praktisch kaum mit Ihren Kindern zusammen sind. 

 

 

 

Erkan:

 

Was haben Sie für ein Angebot?

 

 

 

Niko:

 

Meine Schwester arbeitet in einer Organisation, die Zuschüsse zum Leben vergibt. Man muss dafür nichts tun, die wollen einfach nur sehen, wie man damit lebt.

 

 

 

Erkan:

 

Einfach so? Das glaube ich nicht, so was gibt es nicht.

 

 

 

Ahmed:

 

Und wann ist das zurückzuzahlen?

 

 

 

Niko:

 

Man muss das Geld nicht zurückzahlen. Ich erkläre Ihnen die Einzelheiten gleich. Und dann werden Sie ja sehen, ob Sie das interessiert. Ich würde dann sozusagen den Antrag für sie

 

stellen. Ob Sie es dann auch bekommen, wird erst danach entschieden.

 

 

 

Alle schauen sich gegenseitig an.

 

 

 

Erkan:

 

Wo ist der Haken?

 

 

 

Niko:

 

Es gibt keinen Haken.

 

 

 

Erkan (leise):

 

Wie viel?

 

 

 

Niko:

 

Jeder von Ihnen 800 Euro monatlich, ein Jahr lang.

 

 

 

Selin (springt wütend auf, holt ihr Handy raus):

 

Ihr lasst euch hier verarschen! Ich halt das nicht mehr aus, was Deutsche mit Türken machen können. Ich ruf die Polizei!

 

 

 

Niko:

 

Warten Sie! Hier mein Ausweis! (Er holt seinen Ausweis hervor und reicht ihn Selin.)

 

 

 

Selin (schaut misstrauisch darauf, legt dann aber ihr Handy weg und nimmt den Ausweis. Alle starren Niko an.)

 

 

 

Niko:

 

Ich bin kein Betrüger. Aber ich kann verstehen, dass Sie misstrauisch sind. Lassen Sie es mich Ihnen genauer erklären:

 

 

 

Selin (verschränkt mit dem Ausweis in der Hand ihre Arme und schaut ihn abwartend an).

 

 

 

Niko(fängt langsam an zu erzählen, aber ohne jede innere Beteiligung, als würde er einfach nur Birgit zitieren)):

 

Ich fang mal so an, wie es mir meine Schwester Birgit erklärt hat; die ja in diesem Projekt arbeitet:

 

Es gibt Menschen, die glauben, dass wir alle viel mehr können als nur das, was wir machen müssen, zum Beispiel bei der Arbeit. Als kleine Kinder sind wir fröhlich und mutig – wir klettern immer wieder hoch, wenn wir wo runterfallen. So  lernen wie von selbst fast alles durch Neugier und Nachahmung. Aber je größer wir werden, desto öfter weist man uns zurück und schränkt uns ein: Wir dürfen nur noch das tun, was die jeweilige Gesellschaft „richtig“ findet. Wenn wir nicht gehorchen, werden wir bestraft. So gewöhnen wir uns daran. Später machen wir dann oft eine Arbeit, die uns gar nicht interessiert – aber wir müssen ja Geld verdienen. – (Niko wird davon überrascht, dass ihn das Thema ja höchstpersönlich auch betrifft. Mit zynischem Unterton): Das merke ich ja an mir: Unsere Neugier und unsern Mut, immer etwas Neues auszuprobieren,  das  verlieren wir. Wir stumpfen sozusagen ab. Verstehen Sie mich?  

 

 

 

Erkan:

 

Und was hat das mit uns zu tun?

 

 

 

Niko:

 

Die Idee von diesem Netzwerk ist folgende: Wenn man von der Geburt bis zum Tode Geld bekäme, müsste man nicht dauernd für den Lebensunterhalt arbeiten, sondern könnte sich auch den Dingen zuwenden, die einem Spaß machen. So etwas wie ein Bedingungsloses Grundeinkommen eben, in existenzsichernder Höhe, wie mir das meine Schwester erklärt hat,  ohne Arbeitszwang, ohne Bedürftigkeitsprüfung, für jeden garantiert, ob männlich oder weiblich, jung oder alt, arm oder reich. Die Leute von dem Projekt glauben, dass man die Menschen aus diesem Käfig freilassen sollte, etwas zu tun, was sie gar nicht tun wollen? Verstehen Sie mich?

 

 

 

Gylay:

 

Wenn ich nicht putzen gehen müsste, ich würde den  Hauptschulabschluss machen und eine Ausbildung zur Erzieherin (lächelt).

 

 

 

Erkan:

 

Ich würde mit einem dicken BMW Diesel 520 D durch ganz Europa fahren!

 

 

 

Selin:

 

Ich würde mir zuerst total geile Klamotten holen. Und zu allem passende Schuhe!

 

 

 

Ecrim:

 

Und dann werfen wir die ganzen Möbel aus unserem Zimmer auf den Sperrmüll und holen uns total angesagte Super-Schränke mit Glastüren. Bis an die Decke, damit wir unsere neuen Sachenreinstellen können. Und dann lade ich auch mal ein deutsches Mädchen ein, damit sie sieht, dass wir mehr haben als sie! Dann werd ich bestimmt auch mehr anerkannt in meiner Klasse!

 

 

 

Ecrim und Selin (stellen sich gegenüber, man merkt sofort, dass sie das schon oft miteinander gemacht haben, schlagen im Rhythmus ihres Sprechens ihre Handflächen über kreuz aneinander und skandieren lachend zusammen):

 

Wir machen beide Abitur und sprechen deshalb deutsch jetzt nur. Und wenn die Uni überstanden, sind wir beide Doktoranden. Versprochen!!!! Yeiiiiii!

 

 

 

Niko:

 

Na, Delil, was wünscht du dir denn?

 

 

 

Delil: (beginnt plötzlich zu weinen, alle erschrecken und erwachen aus ihrer Euphorie.)

 

 

 

Gylay (erschrocken, legt ihre Arme zärtlich um ihren Sohn):

 

Was ist, mein Kleiner?“

 

 

 

Delil (noch weinend):

 

Ich will nicht mehr in die Schule gehen. Ich will bei dir zu Hause sein, Mama!

 

 

 

(Niko (signalisiert Ülku zu sprechen):

 

 

 

Ülku:

 

Die deutschen Kinder in der Schule verspotten Delil , weil er so langsam ist. Die Lehrerin

 

spricht so schnell , dass er sie nicht richtig versteht. Und dann muss Delil in der Ecke stehen, und in der  Pause wird er geschubst.

 

 

 

Selin (wütend):

 

Das ist doch kein Wunder, was Delil passiert! Ihr wollt das ja nicht glauben. Aber wir sprechen zu Hause viel zu viel türkisch! Wie soll er denn dann die Lehrerin verstehen? Wenn ich damals nicht den alten Herrrn Rössler gehabt hätte, der mir richtig Deutsch beigebracht hat, könnte ich es immer noch nicht!

 

 

 

(Alle schweigen betreten).

 

 

 

Ecrin (nach einer Pause zu Niko):

 

Selin und ich sind in der Familie wirklich die einzigen, die in Deutschland zu Hause sein wollen. Natürlich ist das schwer. Aber es geht. Selin und ich wohnen in einem Zimmer. Sie hilft mir total. Ich will jedenfalls Abitur machen, auch wenn mich die Großeltern dafür verachten, dass ich eine Deutsche sein will. Warum sind sie denn hier geblieben? Ich habe keinen Bock drauf, dass mich die Deutschen wegen meiner Sprache verachten.

 

 

 

Niko (nickt ihr lächelnd zu):

 

Das Bedingungslose Grundeinkommen, von dem ich gerade spreche, könnte eurer Familie  wirklich  helfen. Da wäre doch mal ein Jahr lang Zeit, um z.B. wirklich deutsch lernen.

 

 

 

Selin(zögert kurz, lächelt Niko an und gibt ihm seinen Ausweis zurück).

 

 

 

Erkan (sehr leise, sehr resigniert):

 

Dazu ist es jetzt zu spät.

 

 

 

Niko:

 

Wofür ist es zu spät?

 

 

 

Erkan:

 

Na ja,  richtig Deutsch zu lernen und einen richtigen Beruf.

 

 

 

Niko (fassungslos):

 

Warum ist es so schwer, in Deutschland deutsch zu lernen?

 

 

 

(Alle regen sich jetzt sehr auf  bei dieser Frage, die Antworten kommen fast aggressiv.)

 

 

 

Ahmed:

 

Weil man schon perfekt deutsch können muss, wenn man in die Schule kommt. Man fängt ja in der Schule nicht an, die deutsche Sprache zu lernen, man muss sie ja schon können!

 

 

 

Gylay:

 

Wenn die Deutschen immer für sich sind, sind die Türken immer für sich.

 

 

 

Erkan:

 

Wenn du einmal hinterherhinkst, kommst du nie mehr mit. Du denkst, du kannst das nicht lernen. Du gibst auf, wenn dir da keiner hilft. (vergegenwärtigt sich, wie das alles gewesen ist. Leise.)

 

Meine Mutter hat noch in einem Dorf gelebt, die Wäsche am Fluss gewaschen. Sie ist nie in die Schule gegangen, bis ich geboren wurde. So kam sie zu meinem Vater nach Deutschland, hatte nur mich und meine Schwester. Da haben wir natürlich nur türkisch gesprochen, bis ich in die Schule kam. – Sie können sich denken, was das für ein Lernen war für mich in einer deutschen Schule;  natürlich ging da kein Hauptschulabschluss, keine Berufsausbildung.

 

 

 

Selin: Papa, jetzt erzähl doch nicht immer wieder die alten Geschichten. Jetzt hast du doch  noch einmal eine Chance! Denkst du, das macht Spaß, wenn ich immer sagen muss, mein Vater ist Nachtwächter, wenn ich gefragt werde!? Stell Dir mal vor, du könntest noch richtig KFZ - Schlosser lernen. Das wolltest du doch immer! Wenn Du erst mal den Hauptschulabschluss hättest, würdest du bestimmt auch eine Lehrstelle bekommen. Papa! Letzte Gelegenheit! Ich glaube, der Herr Herding meint das wirklich ernst!

 

 

 

Erkan (lässt sich allmählich darauf ein, dass er ja vielleicht wirklich noch eine Chance hat. Sein Gesicht bekommt einen geradezu träumerischen Ausdruck):

 

Hochdeutsch sprechen. Dann könnte ich mich wie ein Deutscher bewerben und keiner würde mehr einhängen am Telefon.

 

(Er schaut sich um, lächelt Ahmed an):

 

Ahmed, was meinst du, fangen wir beide noch mal von vorn an? Dann brauchst du dich  auch nicht mehr für deinen Vater zu schämen.

 

 

 

 

 

 

 

Ahmed:

 

Wenn du meinst. (Erkan geht zu Ahmed, legt seinen Arm um in und dieser seinen um Erkan).

 

 

 

Niko:

 

Also? Soll ich mich stark machen, dass ihr das Geld ein Jahr lang bekommt?

 

 

 

(Allgemeine Aufregung, alle schauen zu Erkan)

 

 

 

Erkan (nickt langsam, alle anderen nicken daraufhin auch. Die Anspannung entlädt sich in allgemeinem Gelächter)).

 

 

 

Vorhang.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


2. Akt. 5. Szene   „Einen Tag später“

 

 

 

Penthouse, großer Raum, Kerstinsitzt mit dem Gesicht zum Publikum an der Frontseite des rechteckigen Esstisches, links neben ihr Sarah, neben Sarah Emma, gegenüber von Emma sitzt der kleine Friedrich. Der Platz gegenüber von Sarah ist frei.

 

 

 

Kerstin:

 

Wo ist denn der Papa?

 

 

 

Sarah:

 

Der googelt schon den ganzen Tag wie verrückt über Türken.

 

 

 

Kerstin (ruft):

 

Niko! Abendbrot!

 

 

 

Niko (erscheint, etwas abwesend):

 

Hallo, family. (setzt sich schweigend, entfaltet seine Serviette, schaut niemanden an).

 

 

 

Kerstin:

 

Also dann: allseits guten Appetit!

 

 

 

Alle:

 

Guten Appetit!

 

 

 

(Die Familie beginnt mit dem Abendessen).

 

 

 

Emma:

 

Toll, dass der Papa jetzt immer mit uns isst!

 

 

 

Friedrich (lächelt Niko an):

 

Find ich auch!

 

 

 

Niko:(lächelt steif zurück)

 

Wär´ das gut, wenn das jetzt für immer so wäre?“

 

Sarah (nickt zurückhaltend).

 

Emma und Friedrich: (mit leiser Freude):

 

Ja!

 

 

 

Kerstin (überrascht):  

 

Was willst du damit sagen?

 

 

 

Niko (schaut auf sein Essen):

 

Ich wollte ja nur mal hören…

 

 

 

Friedrich:

 

Papa, werden wir jetzt ganz arm, wenn du immer zu Hause bist?

 

 

 

Emma:

 

Au ja! Dann ziehen wir in einen Wohnwagen, und ich mach auf der Straße Kunststücke für Geld!

 

 

 

Sarah (schüttelt den Kopf über ihre Schwester)

 

 

 

Kerstin:

 

Nein, mein Schatz. Der Papa sucht ja jetzt wieder Arbeit, und dann verdient er auch wieder Geld.

 

 

 

Friedrich (ängstlich): Und wenn er keine Arbeit findet?

 

 

 

Kerstin (sie schaut ihren Mann freundlich an): Der Papa ist so gefragt in seinem Beruf; der findet schon Arbeit!

 

 

 

 

 

Friedrich: (seufzt):

 

Na hoffentlich!

 

 

 

Sarah:

 

Aber mein Pferd muss ich unbedingt behalten! Und meinen neuen Geigenlehrer auch!

 

Emma:

 

Meine Klavierstunde können wir ruhig abmelden.

 

 

 

Kerstin:

 

Jetzt ist aber Schluss! Was soll denn das Gerede? Es bleibt alles, wie es ist. Kein Wort mehr darüber. Papa hat eine Abfindung bekommen und die reicht so lange, bis er eine neue Stelle hat!

 

Niko (wirft die zusammengeknüllte Serviette auf den Tisch, springt hoch, setzt sich aber wieder):

 

Jetzt reichts aber! Ich hör mir das hier nicht mehr länger an, wie du über mein Leben bestimmst. Worum geht es denn hier wirklich? Ich könnte doch locker eine einjährige Auszeit nehmen! Das wäre doch finanziell überhaupt kein Thema, wenn du nicht dieses Luxusobjekt gekauft hättest. (er macht eine ausladende Geste um das Penthouse)

 

 

 

Kerstin:

 

Du hast doch deine Zustimmung gegeben!

 

 

 

Niko:

 

Ja ja, zwischen zwei Geschäftsbesprechungen mit den Chinesen habe ich gesagt, wenn du es unbedingt haben willst, dann nimm es doch!

 

 

 

Kerstin:

 

Ja genau! Du überlässt mir das alles, weil du überhaupt keine eigene Meinung dazu hast, wie du leben willst! Wenn ich doch da mal etwas von dir hören würde! So muss ich alles alleine entscheiden und wenn es schief geht, dann bin ich schuld!

 

 

 

Niko (fühlt sich an seinem wunden Punkt erwischt, knallt wütend das Messer auf den Tisch und springt auf):

 

Ach, mach doch, was du willst! (schaut zu seinen Kindern): Wer kommt mit joggen?

 

 

 

Emma (springt auf) Ich!!

 

 

 

 

 

Kerstin:

 

Nein, Emma, tut mit leid, wir müssen noch Mathe üben. Ihr schreibt morgen eine Arbeit.

 

 

 

Niko (stürmt aus der Wohnung)

 

 

 

Vorhang

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nächtliche Traumszene 1

 

(Vor dem Vorhang hängt auf einer Leine eine mondförmige Laterne und verbreitet weißes Dämmerlicht. Wie ein Somnambuler tritt Niko mit geschlossenen Augen vor den Vorhang. Er trägt ein riesiges, langes Hemd (wie ein normales Herrenoberhemd, nur doppelt so groß, zum Zeichen, dass da ein nicht erwachsen gewordener Teil von Niko steht; ein kleiner Junge). Die Hände sind in den Ärmeln verschwunden.)

 

 

 

Niko (die Stimme so unwirklich wie möglich. Der Text sollte aber gut zu verstehen sein. Vielleicht bewegt Niko nur den Mund und seine Stimme kommt verfremdet aus einem unsichtbaren Lautsprecher?):

 

 

 

1. Version

 

 

 

Hallo Mama! Du hast schon gewusst, was mit mir geschehen soll, als ich noch in deinem Fruchtwasser schwamm. Ich erinnere mich dunkel, ich träumte davon, ein freier Mann zu werden, ein frecher Mensch, ein witziger Umstürzler, ein Eulenspiegel auf dem Drahtseil. Aber du wolltest einen Soliden aus deinem Bauch pressen, einen, der Eindruck machen würde, wenn du dich später mit ihm an deiner Seite zeigen würdest. Nicht so einen Blassen wie dein Vater. Nicht so einen Mickrigen wie dein Mann, puuh! Aber auch keinen, der seinen eigenen Kopf hat. Nein, so einer hätte zu deinen Plänen nicht gepasst.

 

 

 

So zogst du mir durch die Nabelschnur das Testosteron aus meinem durchsichtigen, kleinen Leib. Pumptest mich auf mit deiner heimlichen Sehnsucht, jemand Wichtiges zu sein. Unaufhörlich wisperte diese Sehnsucht durch meinen kleinen Körper, hängte sich in meiner Seele fest (macht das Wispern einer weiblichen Stimme nach): „Du wirst es tun, ich weiß es, du wirst mein ganzer Stolz sein. Ich werde so lange an deiner Seite sein, dich so lange durchtränken mit meiner Macht, bis du ganz oben an der Spitze bist. Und jeder wird es wissen, dass du mein Sohn bist, dass ich deine Mutter bin, nur ich ganz allein. Mein großer Sohn, mit dir werde ich sie ein für alle mal beenden, diese mickrige Familienmisere, in der es nur Knechteund keine Männer gab!“

 

O Mama, was hast du getan? Nimm endlich dein Wispern aus meinen Zellen, damit ich auf die Suche gehen kann nach meinem eigenen Leben.

 

 

 

(Niko verschwindet geisterhaft langsam. Der Mond wird an der Leine weggezogen.)

 

2. Version

 

 

 

Mama, als ich in deinem Bauch schwamm, da hast du mich fest eingewickelt in deine Wünsche. Du wolltest keinen Freien, der sich durch das Leben wie durch einen Abenteuerstrom

 

seinen Weg bahnt. Du wolltest einen Braven, einen Fleißigen. Einen, der es zu Wohlstand bringt. Und möglichst ganz nach oben an die Spitze kommt!

 

Mama, jetzt habe ich dir so lange deine Wünsche erfüllt – und wie bist du stolz auf mich! Aber jetzt, Mama, kann ich nicht mehr. Weil es nicht meine Wünsche sind. Mama, ich bitte dich, nimm deine Wünsche aus meiner Seele. Ich bitte dich, Mama, lass mich frei. Ich will jetzt frei sein von dir!

 

Was ich mir wohl wünschen werde, Mama? O, ich weiß es ja nicht; ich bin ja wie ein besetztes Land. Wer weiß da schon, was er will, solange die fremden Truppen durch die Straßen ziehen und die Häuser besetzen? Mama, zieh deine Truppen ab aus meinem Herzen! Ich sehne mich nach dem Augenblick, in dem die eigenen Wünsche durch mein Blut tanzen, die eigenen Gedanken meine Schritte lenken. Wohin? Wohin, Mama, wird meine Reise gehen? Ich fiebere danach, es zu erfahren. Ich bitte dich, Mama, lass mich frei!

 

 

 

(Niko verschwindet geisterhaft langsam. Der Mond wird an der Leine weggezogen.)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


2. Akt, 6. Szene

 

„Beide Familien bekommen jetzt für ein Jahr das Bedingungslose Grundeinkommen.

 

4 Wochen später an einem Vormittag“

 

 

 

Wohnzimmer der türkischen Familie Kilic mit neuen Möbeln. Der Raum wirkt sehr viel enger als vorher, ein Riesen-Flachbildschirm nimmt fast die ganze Rückwand ein. Es läuft ein aufgeregt türkisch kommentiertes Fußballspiel. Davor zwei Kästen Bier. Drum herum viele leere Flaschen.

 

 

 

Erkan (sitzt mit drei türkischen Freundendavor, jeder hat eine Bierflasche in der Hand. Alle begleiten lautstark das Fußballgeschehen.)

 

 

 

Mutter Gylay (bügelt auf dem Esstisch).

 

 

 

Es klingelt.

 

 

 

Gylay (geht öffnen. Kommt aufgeregt mit Niko zurück):

 

Erkan! Der Niko!

 

 

 

Erkan (springt auf. Die Situation ist ihm sichtlich peinlich. Laut, gegen den Fernsehton ansprechend):

 

Hallo Niko! Das ist eine Überraschung! Gucken Sie mal, unser neuer Flachbildschirm. Gucken Sie mal, was für ein tolles Bild! Total billig! Da konnte ich nicht widerstehen.

 

(Er bemerkt, wie fassungslos Niko auf die Situation reagiert):

 

 Bitte nimm Platz! (Niko bleibt stehen und schautauf die verstummten Freunde):

 

 Das sind meine Kumpels von früher, wo wir noch  um die Häuser gezogen sind. Jetzt treffen wir uns wieder, wo ich nicht mehr arbeiten muss.“ (Er dreht den Fernseher leise.)

 

 

 

Niko:

 

Du hast deine Arbeit komplett aufgegeben?

 

 

 

Erkan:

 

Ja, meine Frau auch.

 

Niko:

 

Und? Was machen die Pläne mit Deutschlernen und Hauptschulabschluss und Berufsausbildung?

 

 

 

Erkan (windet sich):

 

Wir sind ja zu den Ämtern. Aber da haben sie gesagt, so einfach geht das nicht. Vor der Hauptschule  müssten wir noch Maßnahmen mitmachen.

 

 

 

Niko (irritiert):

 

Was für Maßnahmen?

 

 

 

Erkan:

 

Was weiß ich! Meine Frau hats auch nicht verstanden. Wir mussten tausend Fragebögen ausfüllen und dann  hieß es, wir kriegen Bescheid. Aber bis jetzt haben wir nichts gehört.

 

 

 

Niko:

 

Das kann doch wohl nicht wahr sein!

 

 

 

Gylay (hat die ganze Zeit mit einer Hand vor dem Mund dabeigestanden, leise):

 

Erkan, jetzt sag, was wahr ist!

 

 

 

Erkan (windet sich noch mehr):

 

Ja also, es hat da Ärger mit meinen Eltern gegeben. Ich hab ihnen erzählt von dem Geld und dass wir unsere Arbeit gekündigt haben. Da hat mein Vater geschrieen, was für ein Unglück und meine Mutter hat geweint. „Mein Sohn will seine Familie verraten!“, hat mein Vater geschrieen,  (Erkan läuft immer mehr zu Opernform auf):

 

Die Deutschen haben ihn gekauft, ein deutscher Hans zu werden. Wenn er hochdeutsch spricht, wird er nur noch deutsche Freunde haben wollen und  uns wird er nicht mehr kennen, weil er sich bei seinen neuen Freunden schämen wird für uns.

 

Da musste ich ihm versprechen, dass ich mich nicht  kaufen lassen würde.

 

(Gylay bedeutet den Freunden, zu gehen. Sie schleichen sich mit wortlosem Handgruß weg).

 

 

 

Niko:

 

Und wie soll’s jetzt weitergehen?

 

Gylay:

 

Ich weiß auch nicht. Ich hab eine Stunde geredet zu meinen Schwiegereltern…

 

 

 

Erkan (unterbricht seine Frau):

 

Wenn ich etwas gegen den Willen meines Vaters tue, beschmutze ich seine Ehre. So heißt das bei uns in der Türkei. (dreht einen derzum Fernseher gedrehten Sessel nach vorn) Setz dich doch hin!

 

 

 

Niko (setzt sich, zieht sein Handy aus der Hosentasche):

 

Was war das denn für ein Amt, wo ihr wart?

 

 

 

Vorhang.  Große Pause.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Birgit  (tritt vor den Vorhang): Sehr verehrtes Publikum, 4 Wochen sind erst vergangen, seit hier 2 Familien für ein Jahr das Bedingungslose Grundeinkommen erhalten. Wo sie am Ende

 

des heutigen Abends stehen werden, ist noch offen. Wird das Bedingungslose Grundeinkommen ihnen neue Türen geöffnet haben oder war am Ende die Situation vorher erstrebenswerter?

 

Der Sponsor dieses Experiments möchte Sie, verehrtes Publikum, in seine nächste Entscheidung mit einbinden. Wenn Sie am Ende der Aufführung den Eindruck haben, dass das Bedingungslose Grundeinkommen in Ihren Augen bis jetzt schon etwas Positives bewirkt hat bei den Familien, auch wenn es erst nur im Ansatz zu erkennen ist,  wird der Sponsor den Familien ein weiteres Jahr das Bedingungslose Grundeinkommen zukommen lassen. Halten Sie die bisherigen Auswirkungen eher für fragwürdig, stimmen Sie mit nein und das Experiment ist mit dem einen Jahr beendet.

 

Nutzen Sie jetzt die große Pause, um sich mit anderen darüber auszutauschen, wie Sie wählen werden.

 

Wir werden die entsprechen Fragen stellen. Ob Sie mit Ja oder Nein stimmen, wird an der Stärke Ihres Applauses abzulesen sein.

 

(Birgit hat sich schon gerade zum Gehen gewendet, als sie sich noch einmal spontan dem Publikum zuwendet): Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen: Die beiden Familien wissen nichts von der Chance eines 2. Jahreseinkommens!

 

Danke, dass Sie mir zugehört haben. Und jetzt wünsche ich Ihnen eine erfrischende Pause.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


3. Akt, 7. Szene, „Am nächsten Tag“

 

 

 

Penthouse-Wohnung, Wohnzimmer.

 

 

 

Niko (sitzt zusammengesunken auf dem Sofa).

 

Der Mensch braucht offensichtlich den Halt einer festen Arbeit. Sonst verkommt er. Ich hab den Türken keinen Gefallen getan mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen. Eine Schnapsidee war das. Jetzt haben beide Eltern ihre Arbeit aufgegeben und er sitzt vor der Glotze und besäuft sich von dem geschenkten Geld.

 

 

 

Kerstin (ruft aus der Küche):

 

Das fällt dir ja reichlich spät ein. Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen?

 

 

 

Niko:

 

Das habe ich mich inzwischen auch gefragt. Manchmal tut man etwas spontan, ohne zu wissen, warum. Ich glaube, es war so eine Art schlechtes Gewissen, dass ausgerechnet unsere Familie  das Bedingungslose Grundeinkommen kriegen soll, wo das Geld zum Fenster rausgeschmissen wird und da fiel mir diese türkische Familie ein, sozusagen, um die Gerechtigkeit wiederherzustellen. Ich weiß auch nicht, irgend so was.

 

 

 

Kerstin:

 

Woher kanntest du die Leute?

 

 

 

Niko (nuschelt etwas undeutlich): Ich habe zwei von ihren Kindern im Park getroffen?

 

 

 

Kerstin:

 

Im Park?

 

 

 

Niko (genervt von der Fragerei)

 

Ach was weiß ich!

 

Jedenfalls fühle ich mich jetzt für sie verantwortlich. Ohne mich hätten sie jetzt beide noch ihre Arbeit und ein geordnetes Leben mit ihren Kindern!

 

 

 

 

 

Kerstin (putzt mit Sprühdose und Stahlschwamm die Arbeitsplatten, als seien die seit Jahren nicht geputzt worden):

 

Niko! Schatz! Du bist für diese Familie nicht verantwortlich. Sie haben von dir eine Chance bekommen und sie nicht genutzt. Was willst du denn noch tun? Du siehst doch, dass diese Leute deine Hilfe gar nicht verdienen. Jetzt leg doch auf den Schaden nicht noch einen drauf! Deine wirkliche Verantwortung liegt doch darin, nun so schnell wie möglich einen Job zu finden, damit wenigstens deine eigene Familie wieder zur Ruhe kommt.

 

 (Sie kommt, setzt sich zu ihm, lehnt sich an seine Schulter)

 

Ach Niko, es könnte doch alles so schön sein, jetzt wo wir auch noch  dieses Bedingungslose Grundeinkommen kriegen ein Jahr lang. Bis dahin schaffst du es doch locker, Schatz!

 

 

 

Niko (rückt von Kerstin ab, bleibt aber auf dem Sofa sitzen):

 

Ob dir das jetzt gefällt oder nicht, ich werde mich ab morgen dahinterklemmen, was zu tun ist. Es muss Ämter oder Organisationen geben, die einem weiterhelfen. Diese Leute, wie du sie nennst, wissen einfach nicht, wie man es anstellen muss. Die kommen mit dieser bürokratischen Art von uns Deutschen nicht klar. Die lassen sich viel zu schnell entmutigen. Die brauchen einfach Unterstützung.

 

 

 

Kerstin (rastet aus):

 

Und wir sind dir wohl jetzt völlig egal! Das kann dir ja völlig egal sein, was mit uns geschieht!

 

Du hast dich immer verantwortlich gefühlt für deine Familie. Dafür hab ich dich immer geliebt. Besser als einen tollen, interessanten Mann zu haben, auf den man sich aber nicht verlassen kann! Aber jetzt?  Was ist bloß in dich gefahren? So kenne ich dich gar nicht! (Schlägt dieHände vors Gesicht, rennt durch den großen Raum):

 

Wenn das meine Eltern wüssten! Mein Mann kümmert sich jetzt um Türken; wir sind ihm jetzt völlig egal!

 

 

 

Sarah, Emma, Friedrich (kommen erschreckt aus ihren Zimmern, stehen stumm an der linkenSeite)

 

 

 

Niko (nimmt die Kinder nicht wahr, kocht vor Wut, rast mit geballten Fäusten mehrmals durch den Raum, vielleicht reißt er sich auch das Hemd auf, der Mund ist weit aufgerissen,

 

als würde er schreien, aber es kommt (noch) kein Laut heraus.

 

Nächtliche Traumszene

 

(Wieder vor dem Vorhang mit dem blassen Mond auf der Leine).

 

 

 

Niko (tritt in seinem großen Hemd vor den Vorhang. Er wirkt nicht mehr so somnambul; viel mehr unruhig, wie jemand, der sich in die Startlöcher stellen will, krempelt an seinen langen Ärmeln herum, um die Hände freizubekommen, sucht eine optimale Standposition für seine nackten Füße. Bei aller Energie sollte das Traumhafte der Szene erhalten bleiben):

 

 

 

Ich steh, Mama! Ich steh auf meinen eigenen Füßen! Ich will, Mama, ich will raus mit mir!

 

(er reibt die Knöchel immer schneller werdend aneinander o.ä.)

 

Ich spür…Ich spür mich! (er erlebt eine gewaltige Welle von Energie aus seinem Bauch aufsteigen. Das ist absolut neu und überwältigend für ihn. Damit das nicht lächerlich wirkt, bezieht sich der Schauspieler am besten auf eigene Erfahrungen, mit denen er das authentisch zum Ausdruck bringt. Da ginge Hecheln, Kichern, Stöhnen, Vibrieren o. ä. Niko breitet die Arme aus):

 

Nikooo, du bist frei! (er probiert windmühlenmäßig o.ä., wie sich Fliegen anfühlt): Ich bin frei! Jetzt geht mein Leben los!

 

(Irgendwie mühelos fällt das Hemd von ihm ab; vielleicht hat er jetzt nur knielange schwarze Leggings an und schwebt von der Bühne. Das Publikum sollte von dieser Energie erreicht werden, auch wenn es lachen wird):

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3.Akt, 8. Szene

 

(Wohnzimmer der türkischen Familie Kilic. Die gesamte Familie ist versammelt. Aufruhr. Alle reden durcheinander.)

 

Selin(zu Ahmed):

 

Ahmed, jetzt übertreib doch nicht immer! Ich hab ja nichts dagegen, dass du auf uns aufpasst. Aber musste uns denn gleich den Spaß verderben, wenn wir uns mal ein paar Klamotten kaufen?

 

 

 

Ahmed (sehr erregt):

 

Ich hab das ja kommen sehen: mit diesem Bedingungslosen Grundeinkommen oder wie das da heißt, habe ihr euch jetzt eingekleidet wie deutsche Schlampen!

 

 

 

Ecrin (auch wütend):

 

Was du da erzählst! Haben wir auch nur einen Minirock gekauft? Nur einen Bikini? Mit den Klamotten, die wir gekauft haben, läuft man in der Türkei nur noch in der Provinz rum. In Istambul siehst du aber was anderes. Für dich sind wohl schon alle Schlampen, die nicht mit dem Kopftuch laufen! Immer musste an uns rumnörgeln!

 

 

 

Gylay:

 

Kinder, nun hört ihr doch wenigstens auf, zu streiten! Es ist doch so schon schlimm genug!

 

 

 

Selin:

 

Was ist denn schlimm, Mama? Dass wir jetzt Geld bekommen, ohne dass ihr dafür arbeiten müsst? Was ist daran schlimm? Schlimm ist doch nur, dass der Papa sich vom Opa vorschreiben lässt, wie er zu leben hat. Und du sitzt dann gleich mit hier und gehst nicht zu den Ämtern. Du könntest doch was tun, Mama! Aber nein, wenn dein Mann nichts tut, dann weißt du auch nicht weiter. Echt schlimm!Mutter Gylay (laut und aufgeregt zu Selin gewendet):

 

Warum hast du diesem Herrn an Telefon gesagt, er könne kommen? Schlimm genug, was jetzt ist. Es wird noch schlimmer, wenn der wieder kommt. Wenn ich könnte, ich würde das Geld zurückgeben, aber das geht ja nicht, weil wir keine Arbeit mehr haben! (weint) Alles falsch gelaufen: Der Papa sitzt den ganzen Tag vor dem  Fernseher mit seinen Kumpels und hat nur noch schlechte Laune. Was wird jetzt werden?

 

 

 

 

 

Selin:

 

Mama, jetzt beruhige dich doch! Niko weiß, dass hier gerade was schief läuft. Deshalb will er uns ja helfen. Er ist wohl die ganze Zeit bei den Ämtern rumgelaufen und hat gute Neuigkeiten.

 

 

 

Erkan (laut und aufgeregt):

 

Ämter Ämter! Wir haben ihm doch gesagt, dass meinVater das nicht will, dass ich ein deutscher Hans werde. Was will denn der Niko jetzt noch bei uns?“

 

 

 

(Es klingelt. Selin springt auf.)

 

 

 

Selin (draußen im Flur):

 

Hallo! Bitte kommen Sie rein.

 

 

 

Niko (draußen):

 

Hallo Selin, das ist Ali!

 

 

 

Ali (spricht perfekt hochdeutsch):

 

Ali Ütken. Und Sie sind bestimmt Selin?

 

 

 

Selin:

 

Ja, aber wieso …

 

 

 

Ali (lachend):

 

Tja, Niko hat mir alle Familienmitglieder eben sehr plastisch beschrieben. Eure Familie liegt ihm sehr am Herzen. (Sie gehen ins Wohnzimmer, Niko im Anzug mit Aktenmappe, Ali in Freizeitkleidung.)

 

 

 

Niko:

 

Guten Abend!

 

 

 

(Verhalten gemurmeltes „Guten Abend“ der anderen, nur Ecrin und Ülku lächeln ihn an.)

 

 

 

 

 

Ali:

 

Iyi aksamlar!

 

 

 

(Alle Köpfe kommen ruckartig hoch):

 

Iyi aksamlar!

 

 

 

Ali:

 

Ich bin Ali, Berliner Türke. Niko hat mich mitgenommen zu Ihnen, weil es ihm sehr leid tut, dass jetzt wohl das Chaos ausgebrochen ist bei Ihnen durch die viele Freizeit und Sie jetzt wohl sehr böse auf ihn sind. Selin hat es ihm am Telefon gesagt.

 

 

 

Niko (entschlossen, tatkräftig, aber noch immer sehr steif und formell, schaut niemand an):

 

Wir haben ja gerade erst angefangen. Bei mir zu Hause ist auch die Hölle los.  Jedenfalls, auch wenn Sie das jetzt erst mal nicht machen wollen:  ich habe auf dem Bezirksamt Abteilung Integration erreicht, dass Sie eine Extra-Maßnahme in deutscher Sprache bekommen, damit Sie in einem halben Jahr dem Unterricht für den Hauptschulabschluss mit Ihrem Deutsch mündlich und schriftlich folgen könnten. (holt Papiere aus seiner Aktenmappe) Diese Deutschkurse werden im Allgemeinen nur mit 15 bis 20 Teilnehmern angeboten, da lernt man natürlich nicht so viel. Deshalb würde das Amt eine Ausnahme machen und für Erkan, Gylay und Ahmet täglich vier Stunden Individual-Deutschunterrricht genehmigen. (Niko reicht Erkan mehrere Bögen, Erkan zögert zuerst, nimmt sie dann aber doch an und legt sie auf den Tisch, offensichtlich beeindruckt ihn doch, dass Niko sich so eingesetzt hat): Da stehen Namen und Telefonnummer von einer Frau Eilert drauf. Sie müssten ihr meinen Namen sagen, Dr. Niko Herding, Sie könnten ihr auch einfach die Bögen zeigen, dann weiß sie Bescheid. Ihre mögliche Deutschlehrerin, Frau Hessenkamp, steht auch mit Namen und Telefonnummer mit drauf. Mit der können Sie dann vereinbaren, wann Sie anfangen wollen und wo Sie hinkommen müssen. (macht eine kurze Pause).  Wenn Sie das wegen der Ehre Ihres Vaters nicht annehmen können, habe ich das zu akzeptieren.“

 

 

 

(Die Atmosphäre entspannt sich sichtbar.)

 

 

 

Ali (zu Erkan): Niko hat mir erzählt von Ihrem Vater und dass er Angst hat, Sie zu verlieren, wenn Sie hochdeutsch sprechen würden, weil Sie sich dann vielleicht für ihre türkischen Eltern schämen würden.

 

Erkan (nickt)

 

 

 

Ali:

 

Hat er Recht?

 

 

 

Erkan:

 

Nein, natürlich nicht. Aber Sie kennen meinen Vater nicht. Er würde denken, dass ich seine Ehre beschmutze, wenn ich was gegen seinen Willen tue.

 

 

 

Ali (seufzt):

 

Wir Türken und die Ehre!

 

 

 

Niko:

 

Ich habe Ali über das Internet kennengelernt. Er arbeitet in Berlin mit jungen Türken in einem Projekt. Die jungen „Heroes“ von Neukölln. Er macht Rollenspiele mit ihnen, damit sie sich klar werden darüber, was diese traditionelle Ehre eigentlich beinhaltet.

 

 

 

Ali:

 

Nämlich Misstrauen gegen einander. Und im Gegensatz dazu tauschen wir uns aus, wie persönliche Ehre aussehen könnte, die auf Vertrauen beruht. Dass man sein Wort hält z.B., das man jemandem gegeben hat, oder sich verantwortlich fühlt für sein Handeln, auch wenn es keiner kontrolliert. Das sind nun alles junge Türken. Ob wir Ihren Vater mit diesem neuen Verständnis von Ehre überzeugen könnten, weiß ich nicht.

 

 

 

Gylay:

 

Ich verstehe, was Sie meinen. Das liegt aber nicht immer am Alter. Meine Eltern vertrauen uns Kindern, dass wir es schon richtig machen werden. Sie freuen sich, dass ich das Kopftuch trage, aber mein Vater würde nicht sagen, ich beschmutze seine Ehre, wenn ich ohne Kopftuch gehen würde. Das ist aber bei Erkans Vater anders. Aber Sie könnten es ja vielleicht versuchen, ihn zu überzeugen.

 

 

 

Ali ( zu Erkan):

 

Hätten Sie Lust, dass wir beide ein Rollenspiel zusammen machen?

 

 

 

Erkan:

 

Ich weiß nicht …

 

 

 

Ali:

 

Sollen wir mal spielen, wie so ein Gespräch mit Ihrem Vater gehen könnte?

 

 

 

Erkan(unsicher):

 

Wie meinen Sie das?

 

 

 

Ali:

 

Sind Sie der Vater? Und ich der Erkan?

 

 

 

Erkan (lacht verlegen in die Runde):

 

Ich versuche es.

 

 

 

Ali(steht auf, zu den anderen):

 

Sie wären jetzt die Zuschauer. Rücken Sie mal alle zusammen. Vielleicht die Kleinen vorne? (Ali gruppiert die Anwesenden als Publikum, stellt sich ein Stückchen entfernt von Erkan hin,)

 

geht auf Erkan zu, breitet die Arme aus):

 

„Hallo Vater, mein Lieber!“

 

 

 

Erkan (hat unbewusst eine steifere Sitzhaltung eingenommen, breitet im Aufstehen  aberdie Arme aus, umarmt Ali)

 

Hallo, mein Sohn, das ist eine  Überraschung, dass du uns mitten in der Woche  besuchen kommst!

 

 

 

Ali (setzt sich neben Erkan):

 

Ja, Vater, das hat auch einen wichtigen Grund. Aber erst erzähl mal, wie es dir geht. Was macht die Gesundheit?

 

 

 

Erkan (ernsthaft bemüht):

 

 Na du weißt ja, die Knie. Immer diese Schmerzen, vor allem im rechten.

 

 

 

 

 

Ali (legt eine Hand auf das rechte Knie, berührt dabei Erkans Hand):

 

Hast du denn was zum Einreiben?“

 

 

 

Erkan:

 

Ja, ich habe Creme vom Doktor.

 

 

 

Ali:

 

Gib doch mal die Creme. Ich massier dir ein bisschen die Knie.

 

 

 

Erkan (muss lachen, konzentriert sich aber gleich wieder):

 

Nein, nein, die Mama macht das schon gut. Brauche ich jetzt nicht.“ (er lehnt sich vor, um Ali den Arm zu streicheln): „Bist mein guter Junge!“

 

 

 

Ali (ergreift sofort die Gelegenheit):

 

Und du bist mein lieber Vater! Und egal, was kommt, so lange ihr lebt, ich werde euch nie im Stich lassen. Glaubst du mir das, Papa?

 

 

 

Erkan (nickt spontan, zögert aber, etwas zu sagen)

 

 

 

Ali (leise):

 

Ich merke, Papa, du glaubst mir nicht ganz oder?

 

 

 

Erkan (schaut steif geradeaus):

 

Für jetzt glaub ich dir, aber wenn du uns später vergisst?

 

 

 

Ali:

 

Du meinst, wenn ich mal wie ein Deutscher spreche?

 

 

 

Erkan (nickt)

 

 

 

Ali:

 

Papa, willst du, dass dein Sohn glücklich wird?

 

 

 

 

 

Erkan:

 

Ja! Das will ich! Sehr glücklich sollst du werden!

 

 

 

Ali:

 

Aber wie denn, Papa, wenn ich mein Leben lang als Nachtwächter arbeiten, durch die leeren, dunklen Hallen streifen muss jede Nacht. Meine Frau liegt allein im Bett und sehnt sich nach mir. Wie denn glücklich werden, wenn ich fast nie die Sonne sehe, weil ich am Tag schlafen muss? Wie denn glücklich werden, wenn ich für immer ein Außenseiter bleiben muss in diesem Land, dessen Sprache ich nicht richtig spreche. Wie denn glücklich werden, wenn meine Kinder einen Vater haben, der nirgends zu Hause ist, nicht in Deutschland, nicht in der Türkei? Mit keiner richtigen Sprache, mit keinem richtigen Beruf? Papa, (Ali zieht jetzt alle schauspielerischen Register) Ich brauch jetzt deine Hilfe! Du und Mama, ihr seid doch meine erste Heimat und das bleibt ihr, und wenn ich noch so viel deutsch kann. (leise) Vertrau mir doch, Papa. (Ali schließt die Augen. Es ist absolut still im Raum).

 

 

 

Erkan (laufen Tränen über das Gesicht, wie ferngesteuert steht er auf, geht durch die Wohnzimmertür. Draußen hört man leise die Wohnungstür ins Schloss fallen.)

 

 

 

 

 

Vorhang.

 

 

 

Nächtliche Traumszene 3

 

 

 

Vor dem Vorhang. Der Mond, die Leine, das weißdämmrige Licht. Niko geht mit nacktem Oberkörper wie suchend auf und ab. Nach jeder Frage lauscht er, als ob er auf eine Antwort hofft

 

 

 

Niko:

 

Vater? Vater, wo bist du? Warum bist du so blass in meinem Herzen? Ich seh dich nicht ...Vater, ich kann dich nicht sehen. Ja, Mama hat erzählt, dassdu ein Bildhauer warst, ein schöner Mann. Als ichgeboren wurde, stelltest du deine Skulpturen in den Keller. Und dann, Vater? Warum so verstummt? Ich fror immer, wenn du mal zu Hause warst. (wütend): Es stimmt nicht, nein, dass du sie für uns getan hast, die ungeliebte Arbeit! Eine bequeme Lüge war es, mit der du uns eingeschüchtert hast. (wandert wütend auf und ab). Dabei warst du froh, dass du dich hinter deiner Arbeit verstecken konntest, keine warme Kinderhaut, die dich hätte berühren können, nein, nach Hause kommen, wenn die Kleinen im Bett sind, dann kann man immer so weitermachen mit dem eingefrorenen Leben. Gerade recht, wenn die Familie das Geld zum Fenster rauswirft, dann darf man ja immer noch mehr in der Arbeit verschwinden. (weint)Vater, ich weiß, wie das geht, denn ich habe es dir nachgemacht undmeine Kinder im Stich gelassen. Sie müssen frieren, wenn ich zu Hause bin. Wird mein süßer kleiner Friedrich mich auch nachahmen? Soll das jetzt immer so weiter gehen? (schaut suchend)  Barfuss … am Morgen … wir kletternauf den Berg, auf dem man die Sonne über den Horizont steigen sieht. Ihr seid ganz fromm vor Ehrfurcht, Emma, du legst deine kleine Faust in meine Hand, wir schauen uns an. Mein kleiner Mann wird vielleicht fragen, warum die Sonne immer dünner wird am Tag und am Abend wieder dicker. Sarah, lehr mich, Witze zu erzählen. Weiß einer, wie man schallend lacht? Im Kanu durch wilde Wasser. Am Abend Geschichten vorlesen. Noch nie hab ich selber eine erfunden. Um die Wette, jeder einen Satz, Friedrich, jetzt du, und wer keinen weiß, wird gekitzelt! Komm, lasst uns zu den Trommlern gehen. Und wenn ihr nicht wollt, dann tu ich’s für mich … trommeln, dass mir die Zeit aus dem Körper fliegt. Wie geht keine Angst haben? Wann soll ich euch beschützen und wann euch laufen lassen? Ist so ein Tiefgefrorener wie ich überhaupt noch zu retten? Doch, sie sagen, die Gene lassen sich biegen und drehen, wohin du sie haben willst!

 

 

 

(Stimme aus dem Off):

 

Achtung, Herr (Schauspielername), bitte auf die Bühne. Die nächste Szene beginnt!“

 

(Niko verschwindet, leiser redend, hinter dem Vorhang. Der Mond wird mit kräftigem Schwung weggezogen)

 

 

 

Ich will einem Glockenton hinterher lauschen, bis er ganz und gar verklungen ist. Ich weiß, mit der Zeit werde ich ihn immer länger hören. Weißt du noch, Birgit, als Kinder wussten wir, wohin ein Käfer läuft – und immer hat’s gestimmt. Das will ich gleich morgen mit Friedrich ausprobieren. Und wieder weinen will ich …es fühlte sich so flauschig an vorhin.  Und wenn ich jetzt bloß träume, und weiß morgen von nichts? Niko, mach keine Scherze. Das hier ist mein Ernst. Auch wenn du träumen solltest: vergiss es nicht.  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3.Akt, 9. Szene  „Drei Monate später“

 

(DiePenthouse-Wohnung. Das große Wohnzimmer ist nicht  sehr aufgeräumt. Es liegen Bücher, Zeitungen und Spielsachen herum, in der Küche steht einiges Geschirr herum. Es ist niemand zu sehen. Aber draußen im Flur hört man, wie Erkan und Gylay offenbar gerade von Niko begrüßt werden.):

 

 

 

Niko:

 

Das ist ja eine Überraschung! Wollen Sie hereinkommen?

 

 

 

Erkan: (es fällt auf, dass Erkan und Gylay viel langsamer sprechen, als früher  und irgendwie vorsichtig, als würden sie jedes Wort erst überprüfen; dafür sprechen sie aber ein deutlich besseres Deutsch) :

 

Ja, wenn wir nicht stören.

 

 

 

Niko (in dem er die Tür öffnet in den Raum und mit ihnen reinkommt, beide sind winterlich in Jacke und Mantel, Erkan hält einen großen Blumenstrauß):

 

Nein nein, Sie stören nicht. Ich bin gerade allein. Meine Frau arbeitet wieder. Die Kinder sind heute alle noch in der Schule. Das ist ja eine Überraschung, dass Sie mich besuchen!

 

(Sie stehen einen Moment unschlüssig, die beiden Gäste sind erst mal starr vor Staunen über   diesen Luxusraum).

 

 

 

Erkan:

 

Wir wollten uns schon lange melden, aber wir haben ja jetzt so viel zu tun! Diese Blumen sind für Sie. (Er überreicht Niko den Strauß)

 

 

 

Gylay:

 

Wir sprechen oft darüber, wie dankbar wir Ihnen sind. Und das wollten wir doch jetzt endlich Ihnen persönlich sagen. (Sie geht zu Niko und schüttelt ihm die Hand, dann tritt Erkan zu Niko. Er ist verlegen, weiß nicht genau, was er sagen soll, gibt Niko auch die Hand und schüttelt sie lange):

 

 

 

Erkan:

 

Sie haben so viel für uns getan! Und am Ende hat es für Sie so ausgesehen, als wenn alles umsonst war!

 

 

 

Niko (auch irgendwie verlegen über diese schief gelaufene Geschichte):

 

Tja, man hilft, aber was dabei herauskommt, das weiß man nicht vorher.

 

 

 

Gylay:

 

Aber wir sind gekommen, um Ihnen Freude zu machen: Es hat doch noch geklappt! Wir lernen jetzt schon seit zweieinhalb Monaten deutsch lesen und schreiben, alle drei: Mein Mann, Ahmed und ich. So, wie Sie es für uns bei der Frau Eilert durchgesetzt haben (verbessert sich)

 

hatten. (Sie strahlt ihn an und wartet auf eine freudige Reaktion, aber Niko ist von der Nachricht so überwältigt, dass er erst mal zur Tagesordnung übergeht, er legt den Blumenstrauß auf  den Esstisch, geht auf beide zu):

 

 

 

Niko:

 

Das sind ja tolle Nachrichten! Kommen Sie, ich nehme Ihnen die Mäntel ab. Setzen Sie sich doch. Möchten Sie einen Orangensaft? Ich kann uns auch einen Kaffee machen?

 

 

 

Erkan:

 

Danke, wir nehmen gerne einen Orangensaft.

 

(Alle setzen sich übereck auf die Sofas) :

 

 

 

Niko:

 

Aber warum haben Sie mir das nicht mitgeteilt? Das letzte, was ich gehört hatte, erfuhr ich von Ali am Telefon. Er erzählte, dass Ihr Vater doch nicht nachgegeben hätte. Ali hat sie ja wohl noch einmal besucht, um Sie zu unterstützen. (beide nicken). Und wir waren so verblieben, dass Ali meinte, wir sollten Sie jetzt mal in Ruhe lassen (beide nicken wieder), das müsste  sich jetzt in der Familie zurechtrücken. Schließlich hätten Sie jetzt erst mal eine gute Chance bekommen und mehr könnte ich nun auch nicht für Sie tun. Ali hat auch berichtet, dass  Sie jetzt immerhin nur noch deutsches Fernsehen geschaut haben. (beide nicken sehr bewegt, dass Niko das alles so mitverfolgt hat).

 

 

 

Gylay:

 

O fragen Sie nicht, was da noch los war in unserer Familie! Wir hatten ja so ein schlechtes Gewissen wegen dem vielen Geld und dass wir gar nichts Gutes dafür Ihnen zurückgegeben haben, sondern nur Streit zu Hause hatten. Selin, unsere Selin, hatte dann die Idee, wir besuchen den Großvater und wir reden nur türkisch den ganzen Nachmittag, auch Selin, die ja nur noch deutsch sprechen wollte und damit immer den Großvater geärgert hat. Nein, wir redeten nur türkisch und da hat sich der Großvater über Selin lustig gemacht, was sie doch für ein schlechtes Türkisch sprechen würde und jetzt stellen Sie sich doch mal vor, was unsere Selin dann gemacht hat: zum Leistungskurs in Türkisch hat sie sich in der Schule angemeldet und beschlossen, sie wolle später Dolmetscherin werden für türkisch-deutsch und vielleicht auch Übersetzerin für türkische Literatur und dann ist sie hingegangen zum Großvater und hat ihm das erzählt.

 

 

 

Erkan (ihm schimmern Tränen in den Augen):

 

Da hätten Sie mal meinen Vater sehen sollen! Wie er geweint hat und seine Enkelin im Arm gehalten, so hat es uns Selin erzählt  und tatsächlich hat sie ihn überzeugt, dass er mich doch ruhig hochdeutsch lernen lassen könne. Wie sie das gemacht hat…(Erkan zieht die Schultern hoch): Wir wissen es nicht. Jedenfalls von da ab war Frieden. Wir wollten es Ihnen eigentlich gleich sagen, als wir uns bei der Frau Eilert gemeldet haben. Wollten uns bedanken, weil die total nett war zu uns. So was hatten wir noch nie erlebt auf einem Amt. Aber dann war das Lernen für uns so schwer. Die ganzen alten Geschichten von der Schule fielen uns wieder ein. Wie blöd wir uns angestellt haben damals. Das ging jetzt wieder so.

 

 

 

Gylay (lacht zu Erkan rüber):

 

Wie Du wieder wütend warst auf den Herrn Niko, als wenn er dafür konnte, dass dir das Lernen so schwer gefallen ist. Ach, hast du immer gejammert, wär ich doch lieber Wachmann geblieben. Was hatte ich für ein ruhiges Leben und jetzt nur Stress!

 

 

 

Erkan:

 

Du hast dich auch schwer getan. Es war wirklich schlimm am Anfang. (zu Niko gewendet) Die Waschmaschine lief den ganzen Tag, so haben wir geschwitzt von dem vielen Lernen.

 

Nachmittags müssen wir ja auch noch Hausaufgaben machen. Da sind unsere Kleinen auch immer dabei. Da sitzen wir dann alle um den Tisch und unsere Köpfe rauchen. Jetzt müssen wir gerade den Unterschied lernen von dem und den und dessen. Aber jetzt haben wir uns schon ans Lernen gewöhnt.

 

 

 

Niko (ist geradezu erschlagen von der Fülle guter Nachrichten. Er setzt sich gerade auf, gießt allen noch einen Saft nach und für seine Verhältnisse geradezu überschwänglich):

 

Dann war ja die ganze Aktion doch kein Reinfall. Dann ist es jetzt im Nachhinein ja alles richtig gewesen! Dann hat sich ja alles gelohnt! Und die Frau Kleinert hat sich noch erinnert an mich! Toll, dass alle nett waren und Ihnen geholfen haben.(Niko ist nicht wiederzuerkennen. Die alte Panzerung, die er in den Träumen innerlich schon abgeworfen hatte, löst sich jetzt angesichts der Erzählungen seiner Besucher auch äußerlich auf.)

 

 

 

Gylay:

 

Ja, und jetzt hat es uns auch schon richtig gedrückt, dass wir uns so lange nicht gemeldet haben. Wir haben uns auch irgendwie geschämt, dass wir nicht auch etwas Gutes für Sie getan haben. Wir würden so gerne auch etwas für Sie tun.

 

 

 

Erkan (hat die ganze Zeit zustimmend mit dem Kopf genickt):

 

Weil Sie uns so viel gegeben haben, waren wir unzufrieden mit uns, dass wir da nicht irgend etwas zurückgeben konnten. Und so haben wir uns dafür überhaupt nicht gemeldet! Der Mensch ist schon ein seltsames Wesen.

 

 

 

Gylay: Es ist ja auch nicht so einfach bei so einem Wohlstand (sie schaut sich respektvoll in dem Raum um): was soll man da noch geben? Oder könnten wir vielleicht etwas für Sie tun?

 

 

 

Niko(jetzt ganz lebendig, hopst geradezu auf seinem Platz auf und ab):

 

O da wird mir aber noch eine Menge einfallen, was Sie noch für mich tun könnten. Ich bin nämlich gerade in diesem Augenblick dabei, ein neues Leben anzufangen. Und wenn dafür ein Umzug fällig werden sollte, dann komme ich gerne auf Ihr Angebot zurück!

 

 

 

Erkan und Gylay (überschlagen sich vor Freude, reden immer abwechselnd, manchmal auch beide auf einmal):

 

Da können Sie voll mit uns rechnen. Die ganze Familie wird da sein und helfen. Die Frauen können alles einpacken. So sorgfältig würde es kein Möbelpacker machen. Und für die schweren Sachen zum Runtertragen würden wir noch unsere Verwandten bringen. Die machen das gerne für uns. Denen haben wir nämlich jetzt ganz oft Geschenke gebracht von unserem vielen Geld.

 

 

 

Niko (springt auf, geht zu Erkan, der steht auch auf):

 

Da wird es jetzt wohl Zeit, dass wir Du sagen, ja?

 

Erkan:

 

Das war schon lange mein Wunsch, Niko.

 

 

 

Niko:

 

Erkan! (Sie umarmen sich und klopfen sich dann bester Laune gegenseitig auf die Schulter).

 

 

 

Niko ( geht zu Gylay, die inzwischen auch aufgestanden ist):

 

Gylay! (Niko  berührt respektvoll ihre Arme, sie schauen sich herzlich an)

 

 

 

Gylay:

 

Danke Niko für unser neues Leben, das du uns geschenkt hast.

 

 

 

Niko:

 

Was hat sich denn noch verändert bei Euch, außer dass Ihr so viel lernt?

 

 

 

Erkan:

 

Die Kinder haben die Ideen, was sie alles erleben wollen und dann guck ich, dass wir das hinkriegen. Das Beste war, als wir in einem Zirkus gewesen sind. Ecrin und unsere kleine Ülku die waren so versessen, auch die Kunststücke zu lernen, dass jetzt zwei Einräder bei uns stehen und die Mädchen  sind schon richtig gut, die Balance zu halten auf den wackligen Dingern. Ülku ist ja so ein geschicktes Mädchen. Aber wir lassen sie nur im Park fahren, wenn wir dabei sind. Und dieses Tellerkreisen auf einem Stab, das wollten sie auch alle, wir haben es angeschafft, aber richtig üben tun nur Ahmed und Selin. (Erkan schaut Gylay liebevoll an): Was haben wir noch Neues zu erzählen, Gylay?

 

 

 

Gylay (sie wird ein bisschen rot):

 

Dass wir jetzt einen wunderbaren Ehemann und Familienvater haben, das ist für uns das Schönste. Er nimmt sich so viel Zeit für uns. Und er freut sich, dass die Kinder so um ihn herumspringen, als könnten sie gar nicht genug von ihm bekommen. Und seit wir uns endlich an das Lernen gewöhnt haben, hat er auch wieder gute Laune. (Hebt die Arme und geht auf Niko zu):

 

Lieber Niko, bin ich froh, dass wir endlich gekommen sind! Komm Erkan, wir gehen wieder.

 

Und vergiss nicht, Niko, die Blumen ins Wasser zu stellen, damit deine Frau nicht schimpft, wenn sie nach Hause kommt. (Niko begleitet die beiden nach Draußen).

 

Erkan (schon draußen im Flur)

 

Und melde dich, wenn Ihr umziehen wollt. Wird ja wohl nicht gleich nächste Woche sein.

 

 

 

Niko: (auch mit draußen im Flur, übermütig):

 

Wer weiß? Danke, dass Ihr gekommen seid. Das wurde aber auch Zeit!

 

 

 

Gylay(auch draußen):

 

Tschüs und auf Bald!

 

 

 

Erkan:

 

Tschüs, Niko, und Danke noch mal für alles!

 

 

 

Niko:

 

Tschüs. Erkan! Tschüs Gylay!

 

 

 

(Man hört draußen die Tür zuschlagen, Niko kommt hereingesprungen, greift sich den Blumenstrauß, springt mit großem Schwung und einem Juchzer über das Sofa)

 

 

 

Vorhang.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3. Akt, 10. Szene     „Eine Woche später“

 

(Penthouse- Wohnung. Es ist niemand im Raum.  Aus Richtung der Kinderzimmer ertönt gutes, begabtes Geige-Üben. Man hört draußen jemand nach Hause kommen. Die Tür wird geöffnet)

 

 

 

Niko (kommt herein, hochwinterlich angezogen, beide Arme voll mit McDonalds-Tüten, stößt die Tür mit dem Fuß zu, trägt alles zum Esstisch, packt alles aus und stellt es in die Mitte, holt aus der Küche Teller und Servietten, verteilt sie auf vier Plätze, rennt wieder raus und kommt in häuslicher Freizeitkleidung wieder rein, überschaut noch einmal sein Werk auf dem Esstisch und ruft):

 

Sarah, Emma, Friedrich! Es kann losgehen!

 

 

 

Emma (noch unsichtbar):

 

Sarah, der Papa ruft, es kann losgehen!

 

(Das Geigenspiel verstummt. Die Kinder kommen angerannt):

 

 

 

Sarah:

 

Papa, du machst es vielleicht spannend!

 

 

 

Emma:

 

Wow, ich kanns schon kaum noch erwarten, was Du mit uns vorhast, Papi!

 

 

 

Niko(weist wie ein vornehmer Kellner mit Verbeugung auf den gedeckten Tisch):

 

Die erste Überraschung! Ich bitte Platz zu nehmen!

 

 

 

Friedrich:

 

Pommes frittes! O Papa, wie toll!

 

 

 

Emma:

 

Und Hamburger! Lecker!(Sie setzen sich alle um den Tisch und greifen auch gleich nach Cocaflaschen, Pommes-Tüten etc)

 

 

 

Sarah:

 

Wenn das die Mama sehen würde!

 

 

 

Niko:

 

Morgen kochen wir wieder biologisch!

 

 

 

(Einträchtige Stille. Alle, auch Niko, sind voll beim Essen und Trinken.)

 

 

 

Niko ( nach einer Weile, als einer nach dem anderen mit dem Essen fertig ist):

 

Hats geschmeckt?

 

 

 

Alle drei:

 

Hmmmm!

 

 

 

Niko:

 

Bevor ich zur zweiten Überraschung komme, hätte ich erst so eine Art Wetterbericht von euch: wie ist das Wetter, die Temperatur hier bei uns zu Hause, wenn Euer Papa jetzt jeden Tag da ist?

 

(Die Kinder sind verdutzt über die Frage.)

 

Ihr könnts ruhig sagen, wenn es mit der Mama allein besser war!

 

 

 

Alle drei (schütteln entschieden den Kopf)

 

 

 

Emma:

 

Nein, überhaupt nicht, Papi! (mimt die Wetterfee): Das Wetter: bei sommerlichen Temperaturen leichte Brise aus Süd bis Südwest! Aufkommende Wolken lösen sich im Laufe des Abends wieder auf. Niederschlagsfrei!

 

 

 

Niko:

 

Aha! Das hört sich schon mal ermutigend an. Es ist also auszuhalten mit mir?

 

 

 

Emma:

 

Papi, was isn los? Ich finds total toll mit dir, Papa!

 

 

 

 

 

 

 

Sarah:

 

Immer find ich es nicht so toll. Das war schon manchmal wie heftige Niederschläge, durch

 

setzt mit Hagelkörnern, wenn du am Tisch nix sagst und keinen anguckst.  Aber ich finde, in letzter Zeit ist es immer besser geworden.

 

 

 

Friedrich:

 

Find ich auch. Es wird immer cooler mit dir, Papa. Auf dem Nachhauseweg geh ich jetzt immer schneller, weil du da bist und ich weiß, du hast Zeit, dass wir was spielen können.

 

 

 

Emma:

 

Friedrich, das ist ja aber nur so lange, bis der Papa wieder Arbeit hat. Dann ist er ja wieder weg.

 

 

 

Sarah:

 

Ah ich weiß: Du hast wieder Arbeit und wolltest nur mal hören, ob wir vielleicht froh sind, wenn du wieder weg bist, oder?

 

 

 

Niko:

 

Sarah, du bist wirklich ne Kluge: so ähnlich ist es, und doch genau umgekehrt. Und damit meine Damen und Herren kommen wir zur zweiten Überraschung des heutigen Tages: Euer Vater wird erst einmal zu Hause bleiben und nicht gleich wieder eine feste Stelle annehmen.

 

 

 

(alle drei starren Niko an).

 

 

 

Friedrich: O weia, dann gibt’s jetzt jeden Tag Streit, wenn die Mama nach Hause kommt.

 

 

 

Niko:

 

Ich ahnte, dass ihr das so sehen würdet. Und ihr habt Recht. (Pause): Was machen wir denn jetzt?

 

 

 

Emma:

 

Warum willst du denn kein Topmanager mehr sein?

 

 

 

Niko (denkt nach, sucht nach Worten):

 

Weil ich das alles schon kann, was ich da machen muss. Da darf ich überhaupt nicht neugierig auf etwas Neues sein. Da stumpf ich immer mehr ab. 

 

 

 

Friedrich (klettert seinem Vater auf den Schoß):

 

Dann müssen wir jetzt ganz lange nachdenken, damit du da nicht mehr hingehen musst. (er

 

streichelt seinem Vater zart eine Wange):

 

Von mir weißt du schon, was ich denke und wovor ich Angst habe, oder?

 

 

 

Niko:

 

Ja, ich glaube schon. Ich seh sie schon hinter deiner Stirn heranwackeln, deine Gedanken: (ahmt Friedrichs Stimmchen nach)werden wir dann ganz arm, wenn du immer zu Hause bist?

 

 

 

 

 

Friedrich (muss lachen):

 

Und wie geht deine Antwort?

 

 

 

Niko:

 

Wenn wir sparen und das Geld nicht zum Fenster rauswerden würden, dann werden wir alles haben, was wir wirklich brauchen.  Ein ganzes Jahr, ich habs euch ja schon erzählt, bekommen wir ein Bedingungsloses Grundeinkommen. Ein ganzes Jahr lang wollen Leute zuschauen, was dieses Geld mit uns macht. Ob uns vielleicht noch etwas Besseres einfällt, als nur immer im Kreis zu laufen, wie ein Zirkuspferd.Und dabei gibt es aber ein anscheinend unüberwindliches Hindernis!

 

 

 

 

 

Sarah Emma Friedrich (im Chor):

 

Die Mama!

 

 

 

Niko (bleibt sofort stehen, als das Wort ausgesprochen wird):

 

Die Mama!

 

 

 

Sarah:

 

Aber so ein richtiges Zirkuspferd ist die Mama nicht! Gerade hat sie total neu mit ihrem Beruf angefangen. Ich bin echt stolz auf sie: sie arbeitet selbständig und die Patienten kommen freiwillig zu ihr, hat sie erzählt. Das würde mir später auch mal Spaß machen.

 

 

 

Friedrich:

 

Vielleicht ist es ihr jetzt egal, wie der Papa leben will, wenn sie doch jetzt ihr eigenes Geld verdient?

 

 

 

Niko:

 

Was meint ihr, wird es für sie egal sein, wie ich mich entscheide?

 

 

 

(Alle drei Kinder schütteln entschieden den Kopf,)

 

 

 

Niko (rennt ratlos herum):

 

Ich will auch selbständig sein! Ich will es mir auch aussuchen dürfen! Könnt ihr das verstehen?

 

 

 

Emma: Ja Papa, total!

 

 

 

(Alle stehen ratlos, mit angestrengter Denkerstirn. Da hat Emma eine Idee)

 

 

 

Emma( rennt in ihr Zimmer, kommt sofort mit einem großen Indianerhäuptlings-Kopfputz auf dem Kopf  zurück, greift sich blitzschnell den Feuerhaken vom Kamin, hält ihn ernst in die Höhe und ruft ernst)

 

„Stammesältester! Brüder und Schwestern. Unsere Stammesälteste wird von einem uralten Drachen bewacht. Wir müssen Kriegsrat halten, wie wir den Drachen töten und unsere Stammesälteste befreien können von dem Untier. Hugh, ich habe gesprochen!“

 

 

 

Sarah, Friedrich und Niko schlagen sich auf den Mund und stimmen ein großes Indianergeheul an, setzen sich dabei mit Emma zusammen im Kreis im Schneidersitz, verneigen sich gen Osten).

 

 

 

Vorhang

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3.Akt, 11. Szene   „Eine Woche später“

 

(Wieder in der Penthouse-Wohnung. Es ist Abend. Die Familie hat gerade gegessen und sitzt noch um den Tisch herum):

 

Kerstin:

 

Das war ein köstliches Essen. Ich danke Euch dafür. (Sie muss lachen) Ihr guckt so entschlossen, als wolltet ihr …gleich die Regierung stürzen. Ist was?

 

 

 

Emma:

 

Mameli, wir machen uns Sorgen um unsere Familie. Wir haben Kriegsrat gehalten letzte Woche, weil… (sie muss lachen, traut sich nicht weiter).

 

 

 

Sarah:

 

Mama, wir finden das so toll, dass du jetzt in deinem Beruf arbeitest!  Ich will auch mal selbständig arbeiten. Und ich will auf jeden Fall nur einen Beruf haben, den ich mir selber aussuche und wenn ich davon genug habe, dann suche ich mir eben was Neues, egal wie das für die Leute aussieht.

 

 

 

Kerstin (leicht genervt):

 

Sagt mal…was ist heut los mit euch? Hat euch der Papa aufgewiegelt gegen mich oder was?

 

 

 

Friedrich:

 

Nein, Mama, wir haben dich alle lieb, wir haben uns bloß aufgewiegelt gegen so´n  uralten Drachen, der in unseren Familien Feuer speit, damit sich keiner sein eigenes Leben traut.

 

 

 

Kerstin ( schüttelt halb belustigt, halb ärgerlich den Kopf, schaut zu Niko):

 

Niko was soll das hier?

 

 

 

Niko:

 

Ich finde, die Kinder haben es wunderbar auf den Punkt gebracht. Ich möchte mit Friedrichs Worten mich mein eigenes Leben trauen. Das heißt, dieses Bedingungslose Grundeinkommen dafür zu nutzen und nicht, um es für die Raten dieses lächerlichen Prestigeobjekts zum Fenster rauszuschmeißen.

 

Kerstin (möchte schon längst wieder schreien, aber jedes Mal, wenn sie dafür den Mund öffnet, erhebt Niko seine Stimme, so dass sie innehält. Im Folgenden werden sich zum Zwecke der Bändigung ihrer Mutter auch die Kinder lautstark einmischen, sodass Kerstin einfach nicht zu Wort kommt)

 

Niko:

 

Ich habe 2 Kaufinteressenten. Sie warten auf einen Termin, um sich unsere Penthouse-Wohnung anzusehen. Und wir können gern gemeinsam ein paar schöne Wohnungen besichtigen, die ein Viertel der Miete kosten. Natürlich werden wir sparsam leben müssen.

 

 

 

Sarah (laut)

 

Ich könnte umsonst reiten, wenn ich einmal die Woche den Stall dort ausmiste!

 

 

 

Emma (laut)

 

Sarah und ich können uns ein Zimmer teilen in der neuen Wohnung!

 

 

 

Sarah (laut)

 

Meine neue Freundin Klara ist 2 Jahre älter als ich. Sie hat total angesagte Sachen. Die kann ich immer von ihr haben, wenn sie rausgewachsen ist.

 

 

 

Emma (laut):

 

Und ich krieg sie dann 2 Jahre später!

 

 

 

Niko (fällt Kerstin wieder ins Wort):

 

Kerstin, ich will das hier auch für unsere Kinder! Sollen unsere Kinder später vor uns zittern, wie wir vor unseren Eltern, wenn sie keine Karriere machen? Nicht den Topverdiener heiraten? Soll das immer so weitergehen?

 

Jetzt erfass ich erst, was die mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen vorhaben! Als hättest du plötzlich ne andere Brille auf!

 

Als ich mich für die Türkenfamilie eingesetzt habe, da habe ich erst mal gestaunt, in welchem Land ich eigentlich lebe! Für so was hatte ich doch gar keine Zeit, als ich in der beruflichen Mühle steckte. Dass wir die Einwanderer, die uns einen gigantischen wirtschaftlichen Aufschwung überhaupt erst ermöglicht haben, dass wir sie als Menschen völlig im Stich gelassen haben.  Das kann man nachholen! Die Situation muss in Ordnung kommen! Da möchte ich was bewegen. Ich habe doch gesehen: schon mein kleiner Einsatz hat Früchte getragen! (leise und intensiv) Ich sehe da eine große Aufgabe für mich. Nein, sicher nicht mit dem Gehalt eines Topmanagers, aber dafür soll auch noch Zeit zum Leben bleiben, mit dir, mit den Kindern…zum Träumen.

 

Kerstin (hat die ganze Zeit versucht, sich einzumischen, sieht aus, als würde sie nach Luft schnappen, kommt endlich dazu, einen Satz zu sagen):

 

Darf ich endlich auch einmal was sagen?

 

Vorhang.

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3. Akt, 12. Szene     „Am nächsten Tag“

 

 

 

Wohnzimmer in der Penthousewohnug. Chaos: die schweren Ledersessel, die Sofas liegen umgedreht auf dem Boden, die Chrombeine in der Luft, alle Stühle sind waghalsig über einander getürmt, dazu Möbel aus den Kinderzimmern; viele Küchenutensilien sind zu irgendetwas umfunktioniert. Oben auf den Stuhlpyramiden sitzen Puppen und viele, viele Stofftiere. Der kleine Friedrich sitzt auf dem höchstmöglichen Aussichtsplatz, als wäre es ein Mast, hält mit zwei leeren Klorollen angestrengt Ausschau.

 

 

 

Sarah (seitlich, zögert, will offenbar mitspielen.)

 

 

 

Niko (nur mit Leggings bekleidet, spielt mit den Kindern selbstvergessen „Schiff auf hoher See“)

 

Matrose Friedrich, was siehst du?

 

 

 

Friedrich:

 

Land! Ich seh Land!

 

 

 

Emma (mit großem runden Tablett, das ihr als Steuerrad dient):

 

Käptn! Der Kompass dreht sich wie verrückt! Wir drehen uns im Kreis! Ich kann das Steuerrad nicht mehr halten!!!

 

 

 

Sarah (springt jetzt in die Szenerie, kämpft sich zu Emma durch, hilft Emma, das Steuer zu halten, schreit):

 

Matrose Friedrich, gib die Himmelsrichtung an, wo du Land siehst!

 

 

 

Friedrich: (zeigt mit heftigen Armbewegungen in eine Richtung):

 

Wo ich hinzeig! Wo der Wind herkommt!

 

 

 

Niko (zu Friedrich, brüllt):

 

Nord, Nord-Ost!

 

 

 

Emma (schreit):

 

Käptn! Hohe Wellen rasen auf uns zu! SOS senden!

 

Niko: (holt sein Handy aus der Hose, schreit):

 

SOS! Schiff in Not! Fregatte XZ 1908. 42. Breitengrad, F Zwölf/achtundvierizig Südwest Windstärke 14, Orkanspitzen 20! 4 Seeleute und 59 Passagiere an Bord! Bitte sofort kommen. Sofort kommen!“ (Noch lauter) Hohe Wellen rasen auf uns zu! (Steckt das Handy wieder in die Hose) Matrose Friedrich, runter vom Mast. Wir sind in Seenot! (Er hilft Friedrich runterzukommen. Als Friedrich unten ist, greift er ihn mit aller Kraft, kugelt sich mit ihm über das Deck. Schreit) Matrosin Sarah! Matrosin Emma! Steuerrad fixieren und runter vom Deck! (er robbt mit Friedrich im Arm zu den Mädchen, reißt sie vom Steuer weg und kugelt sich mit allen dreien mit schrecklichen Grimassen und Schreien über das Deck) Wir müssen runter in die Kajüten!

 

 

 

Emma:

 

Käptn, da kommt Wasser hoch aus den Kajüten! Wir müssen uns am Mast festhalten, damit uns die Wellen nicht wegreißen!

 

 

 

Niko (hält alle drei fest, sie klammern sich an ihren „Käptn“, und er robbt mit ihnen zu dem „Mast“.)

 

 

 

Emma (schreit):

 

Die Welle!

 

 

 

(Alle vier, allen voran Emma, japsen und gurgeln und reißen die Münder auf und spucken Wasser aus und halten sich dabei weiterhin alle aneinander fest.)

 

 

 

Kerstin (elegant gekleidet, mit engem Rock, hohen Absätzen, betritt den Raum mit schweren Tragetüten, die ihr angesichts des Szenarios sofort entgleiten. Schreit):

 

Seid ihr wahnsinnig geworden! Ich glaub ja wohl, ich spinne! Unsere kostbaren Möbel! Niko, hast du endgültig den Verstand verloren?

 

 

 

Niko (voll in Fahrt, fährt hoch, die Kinder lassen ihn erschreckt los, er stürzt noch in der gleichen Spiellaune zu seiner Frau, brüllt):

 

Du hältst jetzt mal gleich deinen (er hält ihr den Mund zu) Mund! (Die ungewohnte Berührung seiner Frau lässt die Wildheit eine neue Richtung nehmen: er zieht seine Hand von ihrem Mund, greift sie um die Taille und küsst sie stürmisch und immer stürmischer.)

 

 

 

Kerstin (kann ihren Widerstand nicht lange aufrechterhalten, gibt nach und küsst Niko auch  immer leidenschaftlicher. Die Kinder laufen lachend auf die beiden zu, geben sich die Hände und umschließen kurz und glücklich ihre Eltern).

 

 

 

Sarah:

 

Alle Matrosen gehen an Land! (Sie schiebt ihre Geschwister vor sich her in ihre Schlafzimmer, während die Eltern sich küssend aufs Sofa werfen.)

 

 

 

Vorhang                                          Ende des Theaterstücks

 

Jetzt kann die „Publikumsabstimmung“ stattfinden, wenn sie vor der großen Pause angekündigt worden ist.