Lieber Freund

 

Heidrun Knigge

 

 

Aufbaukurs kreatives Schreiben Modul 2,

 

Aufgabe: Beschreibung eines Freundes                                                    Frankfurt, 16.1. 2010

 

 

 

Lieber Freund,

 

Du staunst, dass ich Dich so anrede? Ich sitze hier gerade nach einem Seminar, und während ich Ordnung gemacht habe, die Stühle zurechtgerückt, die Kissen aufgeschüttelt habe,  kamst Du  mir in den Sinn. Wie lange wir uns schon kennen!

 

Alle Heimat verloren, tauchtest Du bei mir auf, das muss so 1990 gewesen sein. In Halle, die DDR war gerade vorbei, wurdest Du mein „Klient“. Ein Junge eher als ein Mann, den Blick am Boden, nuscheltest Du, kaum zu verstehen, wenn es um Dich ging, aber hell und kräftig Deine Stimme, ja eine schöne Stimme, wenn Du auf Deine abenteuerlichen Ideen zu sprechen kamst, wie man noch in letzter Sekunde die Welt retten , den Strom billiger, die Reichen gerechter machen könnte, die nachwachsenden Rohstoffe und Tesslar und Geheimgesellschaften, so ging das lang und gerne.

 

Immer, wenn ich Dich wiedersah, hattest Du  etwas Neues ausprobiert, Deine  wunde Haut zu heilen. Teebaumöl war monatelang Deine Duftmarke. Wenn Du kamst, steuertest du erst einmal die Küche an, um Teewasser aufzusetzen und breitetest diverse Teetüten aus, die Dir eine chinesische Ärztin verschrieben hatte. Später waren es Heilpraktiker, Heiler oder Apotheker, deren Empfehlungen Du befolgtest, voller Hoffnung, irgendetwas müsste doch auch Dir helfen können. Aber ich sah Dich zu keinem Zeitpunkt mit heiler Haut. Im Winter in Gesicht und Armen die rosa, offenen Stellen, im Sommer konnte jeder sehen, dass Du am ganzen Körper nicht nur mit dieser Entstellung, sondern auch mit ständigem Jucken und Schmerzen leben musstest. Du träumtest von einer Frau, für die Du ein Häuschen bauen und mit ihr Kinder haben wolltest. Aber in den Abständen von drei, manchmal vier, vielleicht auch sechs Monaten, in denen wir uns wiedersahen, war es jedes Mal eine Neue, mit der Du gerade Kummer hattest.

 

 

 

Du ließt Dich zum Ergotherapeuten ausbilden, aber Deine Vorgesetzten hatten wirklich keine Ahnung, wie man mit Patienten umgehen sollte, damit es ihnen gut geht, und so bist Du bald wieder draußen gewesen, ehe noch die Probezeit um war. Eine riesige, hölzerne  „Klangliege“ faszinierte Dich, Du legtest Menschen drauf und Dich drunter und zupftest die Saiten und den Menschen wurde so wohl, dass sie immer wieder kamen und Dich auch bezahlten für Deine Klangtherapie. Allmählich wuchst Du zum Frauenschwarm heran, hattest jetzt genug Angebote, dass Du Dir ein Schätzchen hättest aussuchen können, aber irgendwie … Ach lieber Freund, ich leb ja auch allein und weiß, was verletzliche Seelen für Ansprüche haben (müssen).

 

 

 

Das einzige, was Du schon immer gut gekonnt hattest, hielt Dich jetzt immer sicherer über Wasser: Deine einzigartigen Handwerkerfähigkeiten. Wie Du Dich in die Dinge so hineinbegibst, noch aus der hoffnungslosesten Wasserleitung im Keller unter dem Fußboden wieder ein saniertes Leitungssystem machst, konzentriert und lautlos, mit dem ganzen Körper gehst Du mit, wenn es um unzugängliche Stellen geht, an die man nicht einfach so herankommt. Du kommst heran. Aber damit prahlst Du nicht. Du sagst dann nur leise:“ Das geht jetzt wieder.“

 

 

 

So kam ich in den Genuss, auch Dein „Kunde“ zu werden. Du reistest von Halle nach Berlin, wo ich ein Häuschen hatte und fandest für jedes Problem eine Lösung. Wir waren in- zwischen so vertraut miteinander, immer in Respekt und körperlicher Distanz, dass wir tagelang  da zusammenwohnten, ganz locker holtest Du Dir  die Bücher, die Dich  interessierten in Dein kleines Kellerzimmer, standst oft spät auf, last beim Frühstück ausführlich die Zeitung. Ich musste mir keine Sorgen machen, verschlamperte ich doch als Nachteule auch die Morgen und nie war ich mit jemand in meinem Umfeld so entspannt zusammen wie mit Dir. 

 

Jeder wusste, was er tat, ich musste Dich nie kontrollieren.

 

Du liebtest es, wenn ich uns eine schöne Mahlzeit kochte und Du zeigtest Deine Kennerschaft, wenn Du genau herausschmecktest, was für Gewürze ich verwendet hatte und wir palaverten noch ein Stündchen über die Liebe und die Frauen. Irgendwann hattest Du den Traum vom Häuschen und der Familie aufgegeben. Du warst ratlos, dass die Frauen immer so viele Ansprüche haben und was Du alles erbringen solltest. Mal Tanzen gehen und dabei ein „hübsches, junges Mädchen“ kennenlernen, das reichte Dir inzwischen.

 

Was Du sicher nicht weißt: ich schaute Dir immer öfter beim Arbeiten zu, weil Du so ganz versunken in die Arbeit warst. Wie ein Forscher, ein Liebhaber, ein Techniker und ein Handwerker zugleich, ja wie sag ich’s, verschmolzt Du mit den Dingen, strichst zärtlich über ein Brett, dass Du gerade abgeschliffen hattest. Du arbeitetest  nicht, Du meditiertest. Es war wie eine Art Andacht. Ich wollte nie mehr einen anderen Handwerker um mich haben.

 

 

 

Und als ich plante, mein Häuschen zu verkaufen in Berlin und nach Frankfurt zu ziehen, fragte ich Dich als ersten, ob Du mir beistehen würdest und erst als Du ja sagtest, habe ich mich zu dem Schritt entschlossen. Da kanntest Du mich schon gut genug, um zu wissen, was auf Dich zukam…mit den ganzen Büchern, den Schubladen aller Größen mit Seminarmaterial und Klimbim und Du hast trotzdem ja gesagt. Wir hatten für das Ein- und Ausladen des Möbelwagens viele Helfer, aber du warst mein General, der Stunden über Stunden alles fein und sorgfältig  in Decken gewickelt, in einander verschachtelt hat, dass es sich nicht gegenseitig scheuert, nicht von oben herabstürzt, nicht von vorn nach hinten rutscht. Du hast keinmal gesagt, dass das nicht ginge, wenn ich mit zehn Sachen auf einmal kam und als wir gerade in dem fast leeren Haus mit einem Teepott am Fenster standen, wolltest Du noch einmal die Eichhörnchen sehen, die sich um diese Tageszeit im Herbst immer im Walnussbaum tummelten und uns mit wilden Flügen von Ast zu Ast erheiterten, aber sie kamen nicht. Und Du warst darüber ein bisschen traurig und wir machten weiter mit der Packerei.

 

 

 

Und dann bist Du alleine mit dem XXL-Ding von Möbelwagen nach Frankfurt gefahren, eine Freundin fuhr Deinen PKW und ich den meinen. Drei Wochen bliebst Du in meiner neuen Wohnung, bis wirklich alles so war, wie ich es mir erträumt hatte. Wenn Du dann abends in meinem Schlafzimmer Dein Laptop aufgeklappt hast, wenn Du in der Badewanne die Hitparade im Radio mitgesungen hast und der strenge Moschusgeruch Deiner besonderen Seife sich in der ganzen Wohnung ausbreitete, alles machte mich glücklich. Ich wollte, dass es Dir gut geht. So dankbar war ich Dir.

 

 

 

Als Du nach drei Wochen an einem Sonntagmorgen wegfuhrst, frisch geölt mit einem neuen Mittel für Deine Haut, Arnika konnte ich u. a. ausmachen, die kurzen Haare hochgegelt, das alte Auto vollgeladen mit allem, was Du noch gebrauchen konntest aus meinem ausgeräumten Haus, als Du dann um die Ecke verschwunden warst, da war ein richtiges Loch in meinem Leben. Ich, die ich doch so gern allein mit mir bin, meine Freiheit liebe und doch eigentlich hätte aufatmen müssen, endlich wieder meinen eigenen Kram machen zu können, ich hab´ Dich vermisst.

 

 

 

Inzwischen sind drei Monate vergangen, der Alltag hat mich wieder. Ich habe nichts von Dir gehört. Auch ich habe Dir nicht mal eine Postkarte zu Weihnachten geschickt. Aber so etwas brauchen wir auch nicht. Wenn einer von uns beiden den anderen anruft, dann wird es sein, als seien wir gerade vor einer Stunde zusammengewesen und jeder wird für den anderen sofort alles stehen und liegen lassen, um für ihn da zu sein.

 

Wie dankbar ich bin, Dich zu kennen. Und wenn Du demnächst auf  Rhizinusöl stehst, auch ok.

 

Leb wohl, mein Freund. Bis bald.

 

Deine Heidrun