Zeit und Raum

Berlin, 02.12.2008

 

 

Würde ich in 30 Jahren noch an die Zeit meiner Ehe denken?

Jetzt, in diesem Augenblick,

den ich mit einem Blick in die kahlen Winteräste meines Apfelbaums verbringe,

öffnet sich ein so kunstvoll verschlungener Reigen von Tagen,

Wochen und Jahren vor meinen Augen,

dass ich sie gleich jetzt, nach diesem Augenblick des Schreibens,

gleich noch heute an diesem restlich verbliebenen Nachmittag

der Reihe nach austanzen wollen würde.

 

Was für ein Geschenk: der Stift, das weiße Papier!

Dass ich nicht in dem vergeblichen Versuch,

der Zeit vorauszulaufen, in Atome zerstiebe!

Nein, im strömungsfreien Hier, das Jetzt verlassend

Das Morgen und das danach auf das Papier mäandern kann,

wie ich in Meere springen werde, an deren Stränden

mir unverständliche Sprachen widerhallen.

 

Aber an unserem Gelächter werden wir uns wiedererkennen

Und umarmen.

Vergangen bis dahin die Jahre,

in denen wir auf unsere Unterschiede gesetzt hatten

und würden jetzt lachen in den 30er Jahren des 21. Jahrhunderts,

worüber sich, weißt du noch? 2008,

unsre Gesichter versteiften, dahinter die planlosen Gedanken.

 

               Und wie weit dann zurück in den Dunst die Jahre der Ehe!

Ohne, dass mir auch nur das Winzigste verloren gegangen sein würde,

das sich damals als Geschicklichkeit hatte gewinnen lassen,

wenn oft ein Geröllhaufen, wie eine Rätselaufgabe,

den Weg versperrt hatte.

Kein Außenherumgehen schien möglich, nur das Mittenhindurch.

Alles wohl im Gepäck an Früchten und meine Augen im Winterbaum hier.

Ruhig mein Bauch im Anblick der 30er Jahre.

Wie leicht das Gepäck, wie luftig die Früchte des Schweren.

 

Mit leise gewordenem Hunger, in immerwährender Warmzeit

Werde ich frei annehmen, neugierig die Düfte sondierend,

was die Freunde in fremder Sprache mir auftischen.

Dünn wird der Faden sein, der sich aus dem Dunstschleier

Zurückliegender Zeiten herausziehen lassen wird.

In Erinnerung die Zeiten, als ich 26, 50, 75 Jahre alt war.

Wie gerne ich tanzte! Wie gerne ich lief!

Wieviel ich bewegte, im Geist. Wie flogen die Hände im Tun.

 

Und tun es noch immer. 2030 noch immer die Gleichen:
der Geist, die Hände, die Füße.

 Das weiße Papier, inzwischen besät von Zeichen,

mein Blick, zurück vom Morgen wieder im Jetzt,
hier im Apfelbaum ohne sein Laub,

zurück von der mäandernden Reise.

So nah noch: die weißen Sandkörner zwischen meinen Zehen

an jenem Strand in fernen Jahren voraus.