Rede der Bundeskanzlerin.pdf
Adobe Acrobat Dokument 396.3 KB

An dem Wochenende nach Heidenau war für mich an Schlafengehen nicht zu denken.

So bin ich in der Nacht zum 29. August 2015 über meinen Schatten gesprungen: Habe im Geiste die Bundeskanzlerin wachgerüttelt und sie eine überfällige Rede an das deutsche Volk schreiben lassen. Wie wäre es für Sie, wenn die Bundeskanzlerin so eine ähnliche Rede wirklich gehalten hätte? Bitte helfen Sie dabei, das Thema öffentlich zu machen. Leiten Sie den Text bitte weiter, wenn Sie ihn wichtig finden. Heidrun Knigge


                                                                                                                  29. 9. 2015

Vor meiner "Rede der Bundeskanzlerin" möchte ich einen biografischen Bezug zu dem Thema herstellen. "Viel zu lang die Rede“ sagen viele Leser, der ganze Text  ist aber kürzer als ein Buch und betrifft auch Sie ganz persönlich!

Es war die Woche in Heidenau, die aufgebrachten Bürger, die Anheizer von rechts, Minister Gabriel spricht vom „rechten Pack“, die Medien greifen das ohne Anführungsstriche auf, „der rechte Mob“, „ die rechtsextreme Ausbreitung  ist ein ostdeutsches Problem“ Und zum Abschluss der Woche sagt die Kanzlerin „ wir werden mit aller Härte dagegen vorgehen.“

Halali, die Jagd ist eröffnet. Ich halte die Situation für brandgefährlich, spüre das körperlich, wenn Westdeutschland sich so brüstet, wie überlegen es ist und das auf dem Rücken zigtausender Menschen im Osten, die sich und ihr Leben einfach nicht wahrgenommen fühlen. Abgehängt von der Geschichte, zurückgelassen in ihrer unverarbeiteten Vergangenheit. Ich warte noch, ob irgendjemand aus der öffentlichen Szene da mal hinfährt und zuhört und raushören will, was denn die Wut und dahinter die Angst ist, aber ich höre und lese von niemand deutschlandweit. Im Gegenteil!!! Und fast jede Nacht brennt es.

Ich bin  Jahrgang 1933, Flüchtlingskind aus Ostpreußen in Sachsen-Anhalt, 1959 aus Halle, wo ich Theater gespielt hatte, in den Westen geflüchtet. Habe gleich nach der Wende 13 Jahre als Meditations-  und Kommunika-tionstrainerin in Halle gearbeitet. Ich ahnte damals, in welches Durcheinan-der der Gefühle die Menschen nach dem ersten Freudentaumel der Wende geraten würden. Ich hatte es nach dem Krieg erlebt, als meine Kindheit in der Nazizeit  danach, als ich 12 Jahre alt war, plötzlich barbarisch gewesen sein sollte, sträflich mein  Deutschsein, wie ich gedacht und geredet, was ich geliebt, geglaubt und getan hatte. Mein halbes Leben habe ich in dieser Verwirrung gelebt, gespiegelt in einem schwachen Immunsystem, gestörten Beziehungen und regelmäßigen Erkrankungen. Die andere Hälfte meines Lebens habe ich damit verbracht, das Durcheinander der Gefühle zu entwirren. So habe ich mich gesund gemacht. Und so, wie die Wende an meine alte Wunde rührte und ich in Halle unterstützen wollte damals, als der Westen die DDR „übernahm“ (Der ostdeutsche Schriftsteller Friedrich Dieckmann hat den Vorgang aus meiner Sicht treffend als „Sozial-Kolonialismus“ bezeichnet),  geschah es jetzt wieder, als Heidenau im Aufruhr war. Der Aufruhr der Entwurzelten.  Es beunruhigte mich, dass niemand auf sie zugehen wollte.

Dass der Aufruhr nur die Spitze des Eisbergs war, sich bei den sozial Benachteiligten entladen hat, die nichts mehr zu verlieren hatten, damit werden wir jetzt in den Wochen nach Heidenau zunehmend konfrontiert. In der Panoramasendung vom 18.(?) 9. 2015 zum Thema „brennende Flüchtlingsheime“ spricht ein leitender Beamter der Kriminalpolizei klare Worte: Die sogenannte rechte Szene mit Springerstiefeln sei längst Vergangenheit. Die Brandanschläge kämen aus der Mitte der Gesellschaft und zwar in Ost- wie in Westdeutschland. Die Mehrheit wolle keine Fremden in ihrem Land! In der Sendung spricht ein westdeutscher Steuerberater, der ein Flüchtlingsheim angezündet hatte und vor Gericht erklärte, er habe nur dem Willen seiner Nachbarn entsprochen. Man habe sich davor gefürchtet, wenn jetzt junge Männer „in Saft und Kraft“ in ihre unmittelbare Nachbarschaft ziehen, den ganzen Tag herumlungern würden, weil sie ja nicht arbeiten dürften, dass sie dann Angst um ihre Frauen hätten.

Das Panorama-Interview von Nachbarn in einer anderen Stadt bestätigt das in erschreckender Weise. Dort war in einer „gehobenen“ Gegend, Eigenheim neben Eigenheim, eines dieser Häuser für Flüchtlinge angeboten und entsprechend vorbereitet worden. Auch da hatte es gebrannt. Auch hier sprachen die interviewten Nachbarn mit ausdrücklichem Verständnis für den Brandanschlag. Man sei erleichtert, dass da jetzt erstmal keiner einziehen könne. Denn wie solle es gehen, dass da zwölf ledige, junge Männer herumhingen und in den Nachbargärten säßen die Frauen in T-Shirts und Shorts beim Kaffeetrinken. Da käme einfach Angst auf. Interviews in ostdeutschen Gemeinden, auch in anderen Sendungen kommen fast wortwörtlich zum selben Ergebnis. 

Trotz und  Wut im Bauch, die Millionen in Ost und West umtreibt, emotionales Schweigen jahrzehntelang eingeübt, bloß nichts sagen, dann wirst du gleich als Nazi beschimpft. Als ob man darüber nicht offen reden könnte, wie es denn jetzt im Zusammenleben funktionieren könnte. Dass der Gemeinderat zuhört, um Vorschläge bittet, zum Beispiel Gelder bereitstellt  für den freien Zugang zu Fitnessstudios für die jungen Männer „in Saft und Kraft“. Wollen die Politiker nicht darüber diskutieren und lieber mit der ideologischen Keule abwehren, man solle sich über so viel Rassismus und Fremdenfeindlichkeit schämen? Weil sie ihren innersten Gefühlen selber nicht über den Weg trauen und sich deshalb hinter staatstragenden, ideologischen Floskeln verschanzen? Großmeister darin Minister Gabriel. Nie zurückgenommen das „rechte Pack“ in Heidenau legte er am 20. 9. 2015 nach dem Brand in Wertheim noch einmal nach: Das seien alles „rechte Terroristen“. Mit wie vielen weiteren Bränden wird man ihm das heimzahlen aus der Mitte der Gesellschaft?

Dass es eine alte Wut ist, die in Krisen immer wieder hochkocht, wissen viele Psychologen und Therapeuten. Auch ich bekomme von meinen Klienten erzählt, wie in ihren Familien geschwiegen wird. Auch ich erlebe, wie schwer es meinen Klienten fällt, ihre Gefühle wahrzunehmen und gar über sie zu sprechen. Die Deutschen der Gegenwart haben sich in großen Teilen auf Ratio, Leistung und Sicherheit geeinigt. Die Schuld- und Schamgefühle, die unterdrückte Wut, vor der Welt auf ewig als Schuldige dastehen zu sollen, werden mit Arbeit und „verdientem“ Konsum kompensiert, in gesicherten Verhältnissen ausgesessen. Bloß keine Lücken in der Sicherheitsplanung! Es könnte das Unverarbeitete über einen hereinbrechen. „Re-Traumatisierung“ nennen das die Experten, wenn alte, unverarbeitete Traumata durch unvorhergesehene, emotional aufwühlende Ereignisse reaktiviert werden.

Darüber habe ich 2007 ein Buch geschrieben: „Das Adrian Protokoll“. Von einem Jungen, der die Gedanken der Anderen hört und davon Fieber bekommt, weil sie ganz etwas anderes sagen, als sie denken. Ich wollte damals schon das Thema „Deutschsein“ ansprechen, bekam aber vor Angst so starke Bauchschmerzen, dass ich das Kapitel wieder rausnahm. Angst vor dem öffentlichen Pranger. Diesmal bleibt mein Körper ganz ruhig. Ich möchte dieses Mal mir und meinem geliebten Land zuliebe mutig sein. Denn die tickende Zeitbombe im Bauch der Deutschen könnte jetzt ihren auslösenden Haupttermin haben.

Gäbe es zu den Flüchtlingsströmen nur nüchterne Meldungen, gingen die vielleicht im Alltag unter, aber die Flut der Bilder von Krieg und Grauen, Flucht und Vertreibung, von Not und Elend rührt so tief an das kollektive deutsche Unterbewusstsein, das bei vielen die Alarmglocken losgehen, so angsterregend und fremd, dass es heftig abgewehrt werden muss. Und das heißt auf die Alarmauslöser, die Flüchtlinge projiziert wird! Die umgekehrte Variante der Willkommenskultur, so wunderbar und staatstragend sie aussieht, und bestimmt auch von vielen authentisch so gemeint ist, erscheint mir in ihrer Euphorie aber auch verdächtig. Wie wird es ihnen gehen mit den Fremden im Alltag? Ihren Kindern in den Schulen? Wie in der FAZ zu lesen war, schicken viele  Grüne in Frankfurt jetzt schon ihre Kinder in anderen Stadtteilen zur Schule, weil dort weniger Ausländer sind. Theorie und Praxis. So macht eine undifferenzierte Willkommenskultur auch vielen Bürgern Angst, weil sie spüren, dass sie  nicht realistisch zu Ende gedacht ist, nicht alltagstauglich klingt.

Es würde die „Fremdenfeindlichen“ etwas entspannen, wenn sie erleben würden, dass da auch für sie genauer hingeschaut wird. Wie leben Syrer? Wie riecht es im Haus, wenn die kochen? Wie entsorgen die ihren Müll? Erziehen die ihre Kinder noch autoritär? Pöbeln die  deutsche Frauen und Mädchen an, wenn die abends unterwegs sind, vielleicht sogar leicht bekleidet? Was wird, wenn die so traumatisiert sind, dass die zu einem normalen deutschen Arbeitsleben gar nicht imstande sind? Was halten die von Atheisten und Christen? Aber vor allem: Dass jetzt endlich nach 70 Jahren offen geredet werden darf! Es geht um Gefühle! Die sind nicht „rechts“ oder „links“. Frei geäußert entpuppen sie sich als befreite Energien, wenn ihnen ohne ideologische Scheuklappen zugehört wird. Inzwischen gehe ich abends mit dem Stoßseufzer zu Bett: “Kanzlerin, sieh` hin!“


Rede der Bundeskanzlerin Angelika Merkel an die Deutschen, die sie bisher noch nicht gehalten hat. Geträumt von Heidrun Knigge


Liebe deutsche Bürger in Ost und West,

Es war eine beunruhigende Woche. Sicher nicht nur für die unmittelbar Beteiligten, sondern auch für viele von Ihnen, die die Vorgänge in Heidenau in den Medien mitverfolgten und die zunehmenden Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte. Wie erleichtert war ich und sicher viele mit mir, dass wenigstens das Willkommensfest für die Flüchtlinge so herzlich und ungestört gefeiert werden konnte. Das hat doch gezeigt, dass viele Heidenauer sich klar abgrenzen wollten von den Gewalttätern und froh waren über die Gelegenheit, der Welt auch unsere weltoffene, tolerante Seite zeigen zu können, dass auch sie „das Volk“ sind.  Dafür allen Initiatoren meinen herzlichen Dank. 

Erwarten Sie heute nicht eine meiner üblichen Ansprachen. Es ist etwas geschehen, das meinen Blick auf die gegenwärtige Situation in Deutschland verändert hat. Und deshalb bitte ich im Vorhinein um Verständnis, wenn ich heute genau umgekehrte Positionen einnehmen sollte, als noch in der letzten Woche.  - Wo fange ich an?

Als ich also am Freitagabend  einigermaßen erleichtert zu Bett ging, wollte ich gründlich ausschlafen und am Samstag vielleicht ein bisschen im Gemüsegarten arbeiten und uns eine schöne Mahlzeit kochen. Dafür hatte mein Mann extra Fleisch für Rouladen mitgebracht. Vielleicht war sogar am Nachmittag ein Gang zum See drin, wenn nichts dazwischen kam. So hoffte ich.

Es kam anders. Mitten in der Nacht wachte ich von dem Schrei einer Frau auf: „Volksverräterin!“ Mein Herz klopfte, wie ich es sonst nicht kenne. Als hätte ich den Aufschrei unbewusst abgespeichert, um ihn mir in Ruhe noch einmal anhören zu können. Es war der Schrei, den ich bei meinem Besuch in Heidenau gar nicht, später aber in der Videoaufzeichnung gehört hatte, ohne dass ich mich persönlich betroffen gefühlt hätte, dieser Schrei inmitten von Steine werfenden Demonstranten und dem Schild, das ein junger Mann mit gesenktem Kopf still vor sich hertrug „Deutschland, Deutschland über alles!“ in gotischer Schrift. Aber jetzt, in der Stille der Nacht, hörte ich so eine Verzweiflung mitschwingen, so eine Not, dass ich mich als Bundeskanzlerin meines Landes ganz persönlich und direkt angesprochen fühlte.

Im Allgemeinen nehme ich Angriffe nicht persönlich. Wenn man an der Spitze des Staates steht, muss man das aushalten. Es scheint nicht möglich, die Interessen jedes einzelnen zu berücksichtigen. Aber heute war ich irgendwie verletzlich. Der Vollmond schien durchs Fenster und ich konnte nicht wieder einschlafen. „Volksverräterin?“ Was meinte sie damit?  Sollte der Verrat an der friedlichen Revolution 1989 gemeint sein, bei der wir so wunderbar einig skandiert hatten: „Wir sind das Volk“? Dass sie sich die Freiheit anders vorgestellt hatten damals? Gerechter? Dass sie nicht damit gerechnet hatten, den Zusammenhalt als Volk zu verlieren und nun plötzlich zu Einzelkämpfern werden sollten über Nacht? Jetzt auf einmal Ich statt Wir? Die Partei, das Kollektiv, wie man es ja schon bei den Nazis gewohnt gewesen war, also es seit Generationen nicht anders kannte, sollte über Nacht nichts mehr wert sein?  Über Nacht  sich verraten und verkauft fühlten, sich plötzlich in einer Ellenbogen-Gesellschaft wiederzufinden? - Es ist schmerzlich für mich, dass sich wohl viele Menschen von der Politik nicht wahrgenommen fühlen, zurückgelassen im Gestern, als alles noch überschaubarer war. Die neue Zeit rauscht an ihnen vorüber, als gehörten sie nicht dazu. Können es noch nicht einmal in Worte fassen, was da wirklich Angst macht. Wehren sie die Flüchtlinge so ab, weil ihr eigenes Schicksal niemals anerkannt wurde?

Plötzlich war ich nicht nur hellwach, sondern als hätte ich einen anderen Raum betreten in meinem Kopf. Wo war ich die ganze Zeit gewesen? Wie kann es sein, dass man mich zur mächtigsten Frau der Welt erklärt hat und ich nicht hingeschaut habe, nicht gesehen, wie es meinen eigenen Landsleuten geht?  Ich sprang aus dem Bett, machte den Computer an. Hatte die Wende sie traumatisiert? Waren sie deshalb so ohne Empathie für die traumatisierten Flüchtlinge?

Die Fremdheit des eigenen Inneren lässt mich die Fremdheit anderer Kulturen abwehren. Wie kann ich fremde Eigenarten willkommen heißen, wenn ich meine eigenen Eigenheiten unterdrücken muss?

So fische ich es gleich aus einem Radiofeature in der Mediathek…und mir kommen Tränen.

Unter „Trauma“ öffnete sich auf dem Bildschirm eine Flut von Titeln. Sabine Bode , Autorin des Bestsellers: „Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen“, schreibt: „Krieg hört nicht auf, wenn die Waffen schweigen. Krieg beschädigt nachhaltig die Beziehungsfähigkeit und damit auch die Beziehungsfähigkeit in den Familien.“ Natürlich hatte ich schon darüber gelesen; aber jetzt wollte ich es genau wissen, genau verstehen: Warum sind Menschen in unserer freien Demokratie, in einem Land, um das uns viele in der Welt beneiden, so wütend? So verzweifelt? Und das ja nicht nur in Ostdeutschland. Die Flüchtlingsunterkünfte brennen in der ganzen Republik. Woher dieser Hass? Was wollen wir nicht sehen? Nicht hören? Nicht fühlen?

Je mehr ich mich einlas, desto tiefer ging es zurück in unsere Geschichte, unsere deutsche Geschichte. Zu einer anderen Zeit hätte ich nicht weitergelesen. Ich bin Physikerin, Politikerin; psychologische Probleme löse ich gern mit dem gesunden Menschenverstand auf der Basis christlicher Werte, die mir meine Eltern mitgegeben haben. Aber damit komme ich jetzt nicht weiter. Nicht nur ich, auch die Experten in Deutschland stehen ratlos vor dieser Entwicklung. Und wohin soll das führen, wenn jetzt die Flüchtlinge in unser Land strömen und unbeabsichtigt den schrecklichen Hass anheizen? Weil unseren deutschen Landsleuten ihr eigenes Inneres fremd ist? Das lösen wir nicht mit einem größeren Polizeiaufgebot.

Nach der zweiten Lesenacht, es war inzwischen Sonntag, heute Nachmittag noch Sondersitzung zum weiteren Vorgehen mit den Flüchtlingen, vor mir der volle Terminkalender vom Montag, tauchte ich aus der vermeintlich längst vergangenen Welt meiner Großeltern wieder auf: Aus den zwei Weltkriegen, die meine Großväter als Soldaten in Schützengräben verbracht hatten, den Bombennächten zuhause, als es um Leben und Tod ging, tauchte aus der Gesellschaft wieder auf, in der sie mit der Nazi-Ideologie irgendwie zurechtkommen mussten, auch um ihre Kinder zu schützen, die meine Eltern waren. Warum hat mich das jetzt so aufgewühlt? Warum tauchen da jetzt Gefühle auf, von denen ich bisher nichts wusste? Weil ich jetzt genauer verstanden habe, dass ich wohl als „Kind der Kriegskinder“ diese Geschichten, wenn sie nicht verarbeitet wurden, weitertrage in mir? Das nennt sich

„Transgenerationale Weitergabe traumatischer Erfahrungen kriegs- und vertreibungsbelasteter Kindheiten“  (So beginnt auch der Titel der Diplomarbeit von Kristina Tambke von 2010, die ich mir gerade ausgedruckt habe).  

Das Buch „Wir Kinder der Kriegskinder“ von Ann-Ev Ustorf lag unter anderen Büchern neben der Couch, die zu lesen ich mir vorgenommen hatte, aber dass ich selbst dazu gehöre und damit auch zu dem „transgenerational vermittelten emotionalen Schweigen“, dass ich deshalb selbst nichts mit dem Thema zu tun haben wollte, um meine vergrabenen Gefühle nicht wahrnehmen zu müssen? Das muss ich jetzt wohl erst einmal so hinnehmen. Und mir ist bewusst, dass viele Bürger mit diesem komplizierten Sachverhalt nichts anfangen können werden. Deshalb verzeihen sie mir, wenn ich über das Thema ungewöhnlich ausführlich sprechen muss. Es geht uns alle an, spätestens jetzt!

Kristina Tambke schreibt von der „Re-Inszenierung  vom Verhalten der Eltern und Großeltern durch Übernehmen der nicht bewältigten Selbstanteile“,  die abgespalten, d.h., ins Unterbewusste verdrängt, dem Bewusstsein absolut fremd sind. „Re-Inszenierung“ heißt ja wohl in diesem Zusammenhang nichts anderes, als die Nazi-Greuel unbewusst wiederholen zu wollen, oder? Über die Beziehungen der Großeltern und Eltern zu ihren Kindern, so heißt es, wurden deren Traumata mit subtilen Signalen der Angst und des Schreckens weitergegeben, worüber man reden durfte, worüber nicht, wie man zu sein hatte, was von einem erwartet wurde, ohne dass die Kinder erfuhren, woher und warum.  Spätestens jetzt müssen wir uns dieser unheimlichen Tatsache stellen. Die Ereignisse erfordern es.

Dutzende von Arbeiten kann man zu dem Thema herunterladen. Und in allen geht es darum, dass unverarbeitete Traumata an die nächste Generation weitergegeben werden und dann wieder an die nächste, wenn sie nicht vorher verarbeitet wurden. Im Falle Deutschlands also die Verarbeitung der ungeheuren Schuld- und Schamgefühle, des schrecklichen Leids, das durch Krieg und Vertreibung anderen zugefügt, aber auch selbst erlitten wurde. Wann und wie hätte das stattfinden sollen? Als die Alliierten abgezogen waren, gab es erstmal nichts Wichtigeres als einen „Persil-Schein“ zu bekommen, d.h. eine reine Weste mit einer tadellosen Vergangenheit bescheinigt zu bekommen, um überhaupt eine Chance zu haben, weiterzukommen. Da half nur Verdrängung.

Ja aber Moment mal! Haben wir nicht in vorbildlicher Weise den Nationalsozialismus aufgearbeitet, uns wie kein anderes Volk zu unserer Schuld bekannt? Haben wir nicht in aller Öffentlichkeit über unsere Schuld diskutiert, uns wieder und wieder bei den Juden und den Russen entschuldigt, Entschädigungen gezahlt, Mahnmale errichtet, unsere Jugend die KZs besichtigen lassen, jüdische Zeitzeugen eingeladen, Prozesse gegen NS-Täter angestrengt? Haben nicht Millionen von Deutschen Filme gesehen wie „Unsere Mütter, unsere Väter“? Gab es nicht die Wanderausstellung über die deutsche Wehrmacht, die auf Befehl zigtausende unschuldige Zivilisten erschossen hatte? Haben wir uns nicht jedes Jahr mehr sensibilisiert für die Gefahren autoritärer Systeme, uns geöffnet für den Lebenswert behinderter Menschen, für gleichgeschlechtliche Beziehungen, Patchwork-Familien, ja selbst für den Wunsch nach Geschlechtsumwand-lungen? Hat nicht die ganze Welt Respekt vor unserer Aufarbeitung?

Es fällt mir nicht leicht, einzusehen und hier auch noch öffentlich zu erklären, dass das Gedenken an Krieg und NS-Verbrechen für die meisten bisher ein abstraktes Ritual und , ich zitiere aus dem Brockhaus 2005, Seite308, „ein moralischer Zwang von außen war, weil es nie gefüllt wurde mit lebendiger persönlicher Erinnerung an die NS-Bindung, die nach der Kapitulation aus dem Bewusstsein gestrichen wurde.“  Mir ist bekannt, wie viele unserer Landsleute, bis weit in die Mitte der Gesellschaft hinein und keineswegs nur „Rechte“,  es nicht mehr hören konnten und können, bis heute darunter leiden, dass unsere selbsterlittenen Wunden in Krieg und Vertreibung die ganzen Jahre tabu waren und sind im öffentlichen Diskurs. Erst seit Kurzem bekommt das Tabu Risse.

Vertriebenenverbände galten von vorneherein als  „Revanchisten“, sie vertraten allein in Westdeutschland 17 % der Deutschen. Die Pflege von Kriegsgräbern, in denen unsere Väter und Großväter lagen, vollzog sich eher im Halbdunkel der Geschichte, ganz zu schweigen von den Sprachregelungen in Medien und Literatur, was man wie sagen durfte und darf und vor allem, was nicht. Das hat das Schweigen und Verschweigen erst recht zur kollektiven Gewohnheit gemacht. Nur hinter vorgehaltener Hand oder nach drei Glas Bier schwappte dieser Trotz hoch, dieses „es war nicht alles schlecht im Nationalsozialismus“, dieses kindliche Aufbäumen dagegen, immer und für alle Zeiten ein schlechtes Gewissen haben zu sollen.

Wir als Politiker können ein Lied davon singen, wie genau wir jedes Wort überprüfen müssen, damit es uns nicht von den Medien im Munde herumgedreht wird, um uns sogenanntes „rechtes“ Gedankengut zu unterstellen. Wofür ich mich aber jetzt schon in aller Form entschuldigen möchte, sind die Formulierungen von „rechtsradikalem Pack“ und „Mob“ seitens von Regierungsmitgliedern. Das hat Menschen, die vielleicht einfach nur mal ihrer Angst und ihrer Verunsicherung Gehör verschaffen wollen, nur mitgelaufen sind, mit Sicherheit sehr verstört  - und vielleicht sogar radikalisiert. Können wir das wollen? Natürlich hat das die Presse gerne aufgegriffen und es gehört leider, leider zum Arsenal geistiger Brandstiftung, wie wir es nicht länger zulassen sollten. Frieden stiften sieht anders aus.

Ich möchte jetzt vorbereitete Menschen in die Region schicken, die nachfragen und zuhören können, weil sie selber durch den sensiblen Erinnerungsprozess gegangen sind und mit entsprechendem Mitgefühl auf das Gefühlschaos aufgebrachter Menschen eingehen könnten. Und das müssen aus meiner Sicht nicht unbedingt Therapeuten sein. Im Gegenteil: je volksnäher desto wahrhaftiger könnten solche Begegnungen ablaufen: „Wie war das damals bei euch? Wo habt ihr das erlebt? Was war für euch früher besser? Worüber ärgert ihr euch heute am meisten?“

Eine Begegnung ähnlicher Schicksale, wo vielleicht sogar Familien mit Familien reden, wo einer dem anderen hilft, an seine Gefühle zu kommen, damit er sie nicht unbewusst auf die Politiker projizieren muss, das ist das Gebot der Stunde. Dass auch die Politiker vor Ort in den Gemeinden das Gespräch suchen mit den Unzufriedenen.

Es soll hier klar  herausgestellt werden: Es geht nicht darum, unsere Vergangenheit zu beschönigen oder gar zu vergessen. Im Gegenteil: Erst wenn ich das Geschehene fühlen kann, bleibt es unvergessen bewahrt. Je klarer es in den Menschen erinnert und diese Klarheit an die nächsten Generationen weitergegeben wird, desto sicherer wird es uns vor einer Wiederholung bewahren. Das ist mir in diesen Nächten erst so richtig bewusst geworden!

Das wirklich Gespenstische an der Geschichte scheint eben zu sein, dass das, was die Großeltern und Eltern aus ihrem Bewusstsein gestrichen hatten; d.h., sich nicht mehr daran erinnern konnten, weil sie sonst die Scham- und Schuldgefühle überwältigt hätten, dass diese  Bewusstseinsinhalte sozusagen unerledigt an die nächste Generation  weitergegeben würden und die sie auch weitergeben an die nächste Generation. Gewissermaßen „auf Wiedervorlage“. Es sei denn, sie wurden vorher verarbeitet. Gruselige Szenerien sind da wohl denkbar. Zum Beispiel „das Täter- Introjekt“, wo ein Opfer den Täter so tief beobachtet, dass es ihn später unbewusst nachahmt. Läuft ein Mann heute wild brüllend mit der Hakenkreuzfahne auf die Straße, weil er etwas für seinen Vater zu Ende bringen will, der im KZ saß und sich so in seine Peiniger reinversetzt hatte, um auf ihre Schikanen besser reagieren zu können, dass er dieses Muster seinen Kindern vererbt hat? Leugnet jemand den Holocaust, weil er seinen Großvater reinwaschen will, der Hunderte von Juden erschossen hatte? Und hat absolut keine Ahnung davon, warum er das so zwingend tun muss? Denkt, er sei eben „ein Rechter“?

Die Psycho- und Neurologen versuchen verständlich zu machen, dass das menschliche Gehirn und Nervensystem mit den raffiniertesten Tricks arbeitet, um uns am Leben zu erhalten. Wenn also  Situationen so belastend und unerträglich sind und das vielleicht auch noch anhaltend über viele Jahre, wie es ja im 20. Jahrhundert geschehen ist, dann werden die Qualen einfach „weggesteckt“. Man könne dann scheinbar so weitermachen, als sei nichts. Was sich aber nicht verhindern lasse,  seien die unerklärlichen Symptome, wie Rückenschmerzen, Gedächtnisstörungen, Nierenprobleme, Herz-Kreislauferkrankungen, Angstneurosen, seelische Erschöpfung, Burnout, Beziehungsprobleme, Verhaltensauffälligkeiten und hinter all dem das „Emotionale Schweigen“, d.h., seine Gefühle nicht wahrnehmen, geschweige darüber sprechen zu können. Wieviel gefrorene Tränen, Verzweiflung, Wut und Trauer mögen sich dahinter verbergen?  Mein Blick richtet sich schon jetzt anders auf die „Randalierer“.

Die Natur sagt sich, dass irgendwann der Zeitpunkt günstig sein wird, die Geschichte anzuschauen und zu verdauen, eben aufzuarbeiten.

Und was hieße denn „Aufarbeiten“ konkret?  Mehrfach an diesem Wochenende wollte ich aufspringen, durch die Wiesen laufen. Was habe ich als Bundeskanzlerin damit zu tun? Das ist nicht mein Job. Aber dann fielen mir wieder die brennenden Flüchtlingsunterkünfte ein und dass alle ratlos sind. Welcher Enkel zündelt da, weil er nichts weiß vom Geheimnis seines Großvaters, das sich unbemerkt auf ihn übertragen hat, er aber glaubt, er handle aus freiem Willen? Und wenn die Linken auf die Straße gehen und einen CDU-Minister mit skandierendem „Hau ab! Hau ab! Hau ab!“ empfangen, bis der schnell wieder wegfährt, ist das die Demokratie, wie wir sie gerne hätten? Egal ob rechts, links oder liberal: solange wir uns so aufregen, „unerklärliche Affekte unser Handeln lenken“ oder „emotional schweigen“, das heißt,  gar nichts mehr dazu empfinden,  solange sind die alten Geschichten nicht verarbeitet und können uns in Krisen jederzeit wieder einholen. So habe ich das jetzt jedenfalls erstmal verstanden.

Und es scheint  mir jetzt doch ein dringend fälliger Zeitpunkt dafür, genauer hinzuschauen. Für uns alle in diesem Land. Wenn es doch nicht länger brennen soll in unserem Land!

Wenn Sie noch zögern, das hier zu glauben: was könnte das Willkommen und die Integration der Flüchtlinge besser und umfassender gelingen lassen, als dass wir als Deutsche mit uns selbst ganz persönlich ins Reine kämen; mit dem Fremden in uns selbst Freundschaft schließen würden, und dadurch soziale und kulturelle Unterschiede zwischen uns im eigenen Land respektieren lernen würden, für das uns Fremde im anderen wirklich offen?

Glauben Sie nicht, ich hätte einen Plan. Erwarten Sie nicht, ich würde es schon richten als Bundeskanzlerin. Dass meine Vorgänger und ich die Themen öffentlich gemacht haben, ist das Eine. Die individuelle, emotionale Aufarbeitung ist etwas, das nur jede und jeder individuell für sich beschließen kann. Und das würde, wenn ich es richtig verstanden habe, in zwei Etappen ablaufen, die auf einander aufbauen. Es wäre das erste Mal meines Wissens, absolut einmalig bisher, dass die Bewohner eines Landes mehrheitlich zu so etwas fähig wären, ihre seelischen Verletzungen der Vergangenheit zu heilen. Ich traue es uns zu. Und Zigtausende haben sich ja schon auf den Weg gemacht, bei sich aufzuräumen.


Die erste Etappe wäre, von der Angst in das Mitgefühl zu wechseln. Der schwerste Schritt. Dafür brauchen wir nicht nur die Therapeuten und Psychologen, die Coachs und Verhaltenstrainer, sondern aus meiner Sicht auch kooperierende Medien.  Solange jemand befürchten muss, dass er an den Pranger gestellt wird, wenn herauskommt, dass er mit 17 zur Waffen-SS gegangen ist, muss er das verbergen aus Angst vor der Jagd auf ihn, die die Medien eröffnen würden. Vielleicht führt diese Angst sogar zur Demenz, wie Walter Jens´ Sohn bei seinem Vater vermutet hat. Wenn Menschen lieber nicht wissen wollen, was ihr  Vater oder Großvater im Krieg gemacht hat, dann haben sie wohl Angst, es könnte schlimm gewesen sein und  würden  dann ihren Vater nicht mehr achten, geschweige denn lieben können.

Aber der größere Schritt wäre, ihn empathisch zu erfühlen in seiner damaligen Wirklichkeit, traurig zu sein, dass es ihm nicht besser gelungen ist unter den damaligen Umständen, auch wenn er getötet hat. Ich gehe nicht davon aus, dass alle in unserem Land zu diesem Schritt bereit sind, aber wenn z. B. die Journalisten und Schriftsteller mit gutem Beispiel vorangehen würden, sie nicht mehr die Angst haben müssten, als zu rechts oder zu links angegriffen zu werden, vielleicht ja auch selber mehr von ihren Familien erzählen und nicht nur, wenn sie Juden versteckt haben oder mit ihrer Herkunftsfamilie „nichts mehr zu tun haben wollen“. Dass man in den Medien miterleben könnte, wie Mitgefühl, Trauer und Verzeihen in Sprache gefasst werden könnte, und Wut natürlich über die Angst, die dann vielleicht aufsteigt. Wenn wir das fertigbringen würden, dann wären wir wirklich Helden. Ich traue uns das zu.

Jedenfalls möchte ich jetzt für ein Klima sorgen, dass es gelingen kann. In jedem Bundesland. In Ost und West. In den Städten und auf dem Land. Ein nationales Projekt. So könnte das „Deutschland erwache“ einen ganz neuen Klang bekommen, vor dem sich niemand in der Welt fürchten muss. (Ich weiß, dass Sie jetzt zusammengezuckt sind! Können Sie es aber aushalten, wenn Sie wissen, dass andere jetzt aufatmen?)

Wenn wir mit unserer Vergangenheit selber mitfühlend umgehen lernen würden, dann wäre das der erste, der wichtigste Schritt. Jeder macht Fehler, wie würden wir sonst was Neues lernen?  Wir könnten auch mitfühlend die Not unserer Väter und Mütter erkennen, die Not, in der sie als eigentlich ganz normale, liebevolle Familienväter und  – mütter gleichzeitig barbarische Befehle ausgeführt haben, bei der Stasi, bei der SS, bei der Wehrmacht, in Kliniken, vielleicht sogar in unserer Bundesrepublik. Die Trauer zu spüren darüber, wie sie sich in gutem Glauben geirrt haben oder in ihrer blinden Begeisterung nicht genau hinschauen wollten oder aus Angst sich unterworfen haben. So viel Angst war dabei, Todesangst, Angst um die eigene Familie, Angst, am Pranger zu stehen, Angst, ausgegrenzt zu werden, seinen Beruf nicht mehr ausüben zu können. Wir haben das doch inzwischen eindrucksvoll in Filmen und Dokus, in Büchern und Vorträgen vermittelt bekommen, dass unsere Vorfahren keine Monster waren, sondern so normal wie wir. Diese Traurigkeit, jenseits von Schuld und Scham wirklich im eigenen Herzen zu spüren, das ist wohl, was uns einen großen Schritt weiterbringen würde. So beschreiben es die Trauma-Therapeuten, unter ihnen Dr. Luise Reddemann, auf die ich mich hier gerade beziehe.

Trauern heißt ja nicht, dass wir jetzt als Trauerklöße herumlaufen sollten. Wie ich das verstehe, geht es um das Abschiednehmen von Angst, Schuld und Scham, um mitfühlendes Betrauern dessen was gewesen ist. Hinter sich zu lassen, was falsch gelaufen ist, mitzunehmen in die Gegenwart, was an Bewältigungskräften  bereichert hat und frei zu werden für eine neue Zukunft. Die verdrängten Angst-, Schuld-  und Schamgefühle hingegen, von denen wir nichts wissen wollen, ziehen eine hohe Mauer um unsere Vergangenheit, trennen uns von unseren Erfahrungen und  Wurzeln. Eine krankmachende Situation, sagen Experten, und gefährlich; denn der psychische Stau kann sich in Krisen jederzeit in Gewalt entladen.    

Schon um 1962 schrieben die Psycho-Analytiker Margarethe und Alexander Mitscherlich „Über die Unfähigkeit, zu trauern“ und bezogen sich damals auf den Zustand unseres Landes. Ich glaube, dass wir  jetzt dazu fähig sein könnten. Erst dann, so las ich in der Trauma-Literatur, ist die zweite Etappe möglich: das Aufdecken unserer eigenen erlittenen Wunden mit der in der ersten Etappe erworbenen Fähigkeit, mitzufühlen. Zu fühlen, wie es uns damals völlig überfordert hat, das Geschehen zu begreifen und zu empfinden. Oft waren wir  vielleicht auch noch viel zu klein, konnten noch gar nicht sprechen, das Entsetzen, die Todesangst, oft litten wir am Verlust jeglicher Orientierung inmitten von brennenden Städten, in klirrender Kälte auf der Flucht. Wie die Trauma-Therapeuten versichern, können wir uns behutsam den Familiengeschichten nähern, mitfühlend sie spüren, mit anderen öffentlich sprechen, ohne Angst, man könnte sich „verraten“, auf der „falschen Seite“ gewesen zu sein. Ich kenne jemand, der weinen musste, als er von Hitlers Tod erfuhr. Auch das will Mitgefühl. Viele befreien sich im biografischen Schreiben. Andere meditieren. Wir kennen alle Menschen, die zu forschen beginnen, was da eigentlich los war in der Familie, die Briefe der Großeltern vom Dachboden holen und lesen, anfangen, darüber zu sprechen. So viel Berührendes ist inzwischen dazu veröffentlicht worden. Wir brauchen nicht von vorn anzufangen. Andere haben schon Wege gebahnt. Wir müssen uns nur sicherer fühlen dürfen, dass Offenheit erlaubt ist! Dass wir keine Angst haben müssen vor gesellschaftlicher Ausgrenzung. Auch im Arbeitsalltag.

Dann könnte ja vielleicht auch so etwas wie ein neues, ganz anderes deutsches Nationalgefühl entstehen dürfen, ohne dass jeder gleich die Nazis dahinter vermutet, - dann gäbe es vielleicht gar keine „Rechten“ mehr. Wenn Menschen Lust darauf hätten,  deutsche Volkstänze zu tanzen und „Am Brunnen vor dem Tore“ zu singen und die Sagen der Germanen und die Edda zu verbreiten, brauchte das keinem Angst zu machen. Es schränkt doch die Schwulen und Lesben nicht ein, wenn andere die Vater-Mutter-Kind-Familie für heilig erklären und umgekehrt. Es muss doch die Rationalen nicht aufregen, wenn andere von der „deutschen Seele“ sprechen wollen und ihrer Sehnsucht nach Transzendenz und Tiefe. Leben und leben lassen. Wenn wir das fertigbringen, sind wir wirklich Helden. Bereit  für die Fremden, zukunftstauglich für alles, was noch auf uns zukommen wird. Ich traue es uns zu.

Die Wissenschaft hat den Boden bestellt. Das Problem ist in seinem Ausmaß in all seinen Facetten umfassend beschrieben, die Lösungen von vielen Menschen jahrzehntelang erfolgreich erprobt, mit wissenschaftlich anerkannten Methoden. So können wir auf wissenschaftlich gesichertem Terrain vorangehen. Ich traue es uns zu. Jetzt.

Danke, dass Sie mir so lange zugehört haben. Ich gebe zu, es hat mich große Überwindung gekostet, so ungewöhnlich zu Ihnen zu sprechen. Aber weil es mir eine Herzensangelegenheit ist, habe ich mich getraut. Ich bin gespannt, was Sie daraus machen. Einen guten Abend wünsche ich Ihnen noch.

30. 8. 2015


 Literatur:


Dr. Luise Reddemann: „Kriegskinder und Kriegsenkel in der Psychotherapie, Folgen der NS-Zeit und des zweiten Weltkrieges erkennen und bearbeiten.“ 2015

Schneider  Joachim Süss (Herausgeber): „Nebelkinder – Kriegsenkel treten aus dem Trauma-Schatten der Geschichte“ 2015

Stefan Ruzowitzky, (Regie), Film in Mediathek 3Sat: „Das radikal Böse  Wie werden aus normalen Männern Massenmörder? Die Ursachen des Zivilisationsbruchs der Nazis“ 2015

Barbara von Meibom: „Deutschlands Chance   -  Mit dem Schatten versöhnen.“ 2013

Sabine Bode Luise Reddemann: „Die vergessene Generation – die Kriegskinder brechen ihr Schweigen.“  2012

Sabine Bode: „Kriegsenkel – Die Erben der vergessenen Generation.“ 2012

Bettina Alberti: „Seelische Trümmer: Geboren in den 5oer und 6oer Jahren. Die Nachkriegsgeneration im Schatten des Kriegstraumas.“ 2010

Kristina Tambke, Diplomarbeit: „Transgenerationale Weitergabe traumatischer Erfahrungen kriegs- und vertreibungsbelasteter Kindheiten unter Berücksichtigung nationalsozialistisch geprägter Erziehung und deren Bedeutung für gegenwärtige Familienberatung.“ 2010

Friedrich Dieckmann: „Deutsche Daten oder der lange Weg zum Frieden“. 2009

Heidrun Knigge: „Das Adrian Protokoll – Ein Junge hört die Gedanken der Anderen.“ 2008

Stephan Marks: „Scham – Die tabuisierte Emotion.“ 2007

Jürgen Müller-Hohagen: „verleugnet verdrängt verschwiegen – Seelische Nachwirkungen der NS-Zeit und Wege zu deren Überwindung.“ 2005

Maaz, Hans-Joachim, Psychoanalytiker in der DDR: „Das gestürzte Volk. Die unglückliche Einheit.“ 1991

Maaz, Hans-Joachim, Psychoanalytiker in der DDR: „Der Gefühlsstau. Ein Psychogramm der DDR.“1991

_____________________________________________________________

„Nichts wirkt seelisch stärker auf die Kinder als das ungelebte Leben der Eltern.“ C.G. Jung

"Je ´eindrucksvoller´ die Eltern sind und je weniger sie sich ihrer eigenen Problematik (oft direkt um der Kinder Willen!) annehmen, desto länger und desto mehr haben die Kinder das nichtgelebte Leben der Eltern zu tragen und das zwanghaft zu erfüllen, was diese verdrängt und unbewusst gehalten haben.“  C.G. Jung                                           

 


Auszug aus der Rede Heinrich Himmlers am 4. Oktober 1943 in Posen vor SS-Gruppenführern (den Vätern der Nachkriegsgeneration): „Ein Grundsatz muss für den SS-Mann absolut gelten: Ehrlich, anständig, treu und kameradschaftlich haben wir zu Angehörigen des eigenen Blutes zu sein und zu sonst niemandem. Wie es den Russen geht, wie es den Tschechen geht, ist mir total gleichgültig. Das, was in den Völkern an gutem Blut unserer Art vorhanden ist, werden wir uns holen, in dem wir ihnen, wenn notwendig, die Kinder rauben und bei uns großziehen. Ob die anderen Völker in Wohlstand leben oder ob sie verrecken vor Hunger, das interessiert mich nur so weit, als wir sie als Sklaven für unsere Kultur brauchen, anders interessiert mich das nicht. Ob bei dem Bau eines Panzergrabens 10 000 russische Weiber an Entkräftung umfallen oder nicht, interessiert mich nur insoweit, als der Panzergraben für Deutschland fertig wird. (….) Wenn mir einer kommt und sagt: Ich kann mit den Kindern oder den Frauen den Panzergraben nicht bauen. Das ist unmenschlich, denn dann sterben sie daran, - dann muss ich sagen: Du bist ein Mörder an deinem eigenen Blut, denn, wenn der Panzergraben nicht gebaut wird, dann sterben deutsche Soldaten, und das sind Söhne deutscher Mütter. Das ist unser Blut. Das ist das, was ich dieser SS einimpfen möchte, und wie ich glaube eingeimpft habe, als eines der heiligsten Gesetze der Zukunft: Unsere Sorge, unsere Pflicht ist unser Volk und unser Blut; dafür haben wir zu sorgen und zu denken, zu arbeiten und zu kämpfen. Und für nichts anderes. Alles andere kann uns gleichgültig sein. Ich wünsche, dass die SS mit dieser Einstellung dem Problem aller fremden, nicht germanischen Völker gegenübertritt. Vor allem den Russen. Alles andere ist Seifenschaum, ist Betrug an unserem eigenen Volk und ist ein Hemmnis zu einer früheren Gewinnung des Krieges.“            

Entnommen aus Barbara von Meibom: „Deutschlands Chance – Mit dem Schatten versöhnen.“ Seite 119/120